Interview mit Dr. Rolf Jessewitsch, Direktor des Kunstmuseums Solingen und des Zentrums für Verfolgte Künste

Ist das Museum bekannter geworden durch die offizielle Eröffnung des Zentrums für verfolgte Künste vor einem Jahr? Wie wurde die Eröffnung von der Presse aufgenommen?

Wir waren sehr erstaunt: Die Medien haben weltweit reagiert und darüber geschrieben. Artikel sind sogar in Brasilien, Portugal, Italien und Belgien erschienen. In den Niederlanden berichtete die Volkskrant auf zwei Seiten. Die Deutsche Welle hat es ebenfalls weltweit gemeldet. Im letzten Jahr hat der Guardian das Zentrum als eines der zehn besten Neugründungen weltweit ausgewählt. In Deutschland wurde in allen überregionalen und vielen regionalen Zeitungen berichtet. Der WDR-Hörfunk hat viel gebracht.

Wie hat sich die Besucherzahl entwickelt?
Sie hat sich verdoppelt.

Gibt es Auswirkungen des Zentrums auf das kulturelle Leben in Solingen?
Noch nicht. Ich freue mich, dass mit dem vom Kulturausschuss beschlossenen Antrag zur Verstärkung der Zusammenarbeit Solinger Schulen mit dem Zentrum für verfolgte Künste die Stadt jetzt die Chancen erkennt, die sich hier bieten. Wir sind mit Schulen in Kontakt, aber diese haben wegen G8 wenig Ze

it. Die Lehrer sagen: „Wir haben zu wenig Zeit für das Thema Nationalsozialismus.“
Wir bilden keine Staatsbürger aus, die Schüler lernen oft nichts mehr über die Nachkriegszeit. Das sind aber die Grundlagen des demokratischen Staates. Junge Menschen haben fast keine Ahnung davon, wie die Gesellschaft und der Staat funktioniert.

Das Zentrum hat noch zu wenig Wirkung. Uns geht es um Aufklärung. Das Unver­ständnis junger Leute entsteht auch durch die Änderung der Kommunikation: Ganz schnelle aufeinanderfolgende Bilder – der Zusam­men­hang wird nicht mehr hergestellt. Die Zeitungen haben sich früher stärker bemüht, Zusammenhänge herzustellen. Heute gibt es möglichst kurze Informationen.

Haben Sie Beispiele dafür, mit welchen Ausstellungen/ Veranstaltungen zu aktueller Verfolgung von Menschen und insbesondere auch der Künste Stellung bezogen wird?
Im Sommer [30.4. bis 3.9.] wird es eine Ausstellung „SOS Méditerranée“ geben. Es werden Zeichnungen gezeigt, die bei der Begleitung von Bootsflüchtlingen entstanden sind. Für den Herbst war eine Ausstellung zu verfolgter Kunst in der Türkei geplant, die aufgrund der aktuellen Situation mit der Gefährdung von Kulturschaffenden nicht zustande kommt. Wir überlegen stattdessen, eine Tagung zu diesem Thema durchzuführen. Wir haben im letzten Jahr aus Anlass des 25. Jahrestages des Deutsch-polnischen Nach­bar­­schaftsvertrages eine vertragliche Zusam­men­arbeit mit einen polnischen Museum mit einer schriftlichen Verein­barung besiegelt.

Entwickelt sich das gesellschaftliche Klima rückwärts?
Weil die Leute sich nur noch so oberflächig informieren, sind sie sehr anfällig für Populismus. Wie sehen die Anfänge, das wird weitergehen. Das geht bis in die bürgerliche Mitte hinein. Demokratie muss wehrhaft sein gegen die, die sie abschaffen wollen. Diejenigen, die sich nicht informieren, unterstützen dies.
Das Museum klärt mit seinen Themen­stellungen auf. Wir stellen nicht nur Kunstwerke aus der Zeit der Verfolgung aus, sondern auch die Biogra­fien und die Verfolgungs­geschichte. Es gibt Künstler, die ausgegrenzt wurden, weil sie „falsche Freun­de“ hatten. Wir klären auf, was mit den Künstlern, was mit den Bildern passiert ist, wir berichten von der Willkür und der Gewalt.

Wird das Zentrum als Mahner wahrgenommen?
Wir sind eine aufklärende Institution. Dazu werden wir z.B. von Medien um Stellung­nahmen gefragt, beispielsweise in der Diskus­sion um die Bilder von Cornelius Gurlitt. Die Situation und das Verhalten der Verfolgten können uns heute eine Lehre sein. Viele derzeitige Flüchtlinge sind im Exil, sie sind keine freiwilligen Migranten, ihr Leben ist häufig bedroht. Wir zeigen Leben und Werk von Künstlern, die schon in den 20er Jahren vor den zunehmenden Anfeindungen aus Deutschland weggegangen sind. 1924 geschah es in Göttingen, dass ein Professor mit dem Ruf „Ab nach Judäa!“ aus dem Hörsaal geprügelt wurde. Daraus entsteht die Einsicht, dass man schon auf Anfänge einer derartigen Entwicklung reagieren sollte. Die damaligen Bilder der Künstler sind nicht jenseits der Gesellschaft entstanden, sondern sie sind ein Spiegel dieser Gesellschaft.

Welche nationalen und internationalen Zusammenarbeiten haben sich ergeben? Welche wichtigen Ausstellungen sind geplant?
Wir haben Verbindung zum Museum für zeitgenössische Kunst in Krakau. Es gibt eine ständige Kooperation mit der Internationalen Holocaustgedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem, mit dieser organisieren wir gerade zwei gemeinsame Ausstellungen. Bilder aus dem Zentrum für verfolgte Künste werden in den nächsten Jahren dort gezeigt. Die Smithsonian Institution, zu der 19 Museen gehören, möchte 2019 das Zentrum in Washington vorstellen. Anschließend soll die Ausstellung nach Los Angeles gehen. Das IMIS in Osnabrück, das älteste Institut für Migrationsforschung, führt ein gemeinsames Projekt mit dem Zentrum zu den Migra­tionsbewegungen durch: „Follow people trace art“. Das Projekt wird auch in die Ausstellungen in den USA integriert.
Durch die Kooperation mit dem LVR gibt es drei zusätzliche Personalstellen. Seitdem betreut der neue Kurator des Zentrums, Jürgen Kaumkötter, die Projekte in den USA, Israel und Polen. Durch ihn können wir die Kooperationen erst wahrnehmen. Er betreut auch eine weitere große Ausstellung, die im April [2.4. – 2.7.] stattfindet: „Kunstwerk Le­ben – Von der hoffnungsvollen Wahlver­wandtschaft zwischen Kunst und Medizin bis zu den nationalsozialistischen Verbrechen“. Die Ausstellung zeigt Kunstwerke vom Mittelalter bis heute, der Schwerpunkt ist Deutschlands dunkelste Zeit. Die Ausstellung ist eine Kooperation mit der Dietrich Grönemeyer-Stiftung. Prof. Dietrich Gröne­meyer hält zu diesem Thema zwei Vorträge in Solinger Schulen.

Welche Perspektiven sehen Sie für das Zentrum und für das Kunstmuseum insgesamt?
Das Zentrum wird durch die Kooperation national und international bekannt bleiben. Weil es die einzige Institution ist, die auf dem Gebiet der verfolgten Künste kontinuierlich arbeitet, werden wir das Zentrum zukünftig noch besser aufstellen müssen.
Das Zentrum arbeitet mit den Beständen der Bürgerstiftung für verfolgte Künste – Else-Lasker-Schüler-Zentrum – Kunstsammlung Gerhard Schneider, die von Solinger Bürgern, dem Kunstsammler Dr. Gerhard Schneider und dem Kunstmuseum Solingen gegründet wurde und an der sich danach der Landschaftsverband Rheinland und die Stiftung der Else-Lasker-Schüler-Gesell­schaft Wuppertal e.V. beteiligt haben.
Beide Teile des Museums – die Zentrum für verfolgte Künste GmbH und die Kunst­museum Solingen GmbH – müssen als Einheit betrachtet werden. Es gibt eine Kasse, einen Museumsshop, die Schulen werden von beiden Teilen betreut. Beide Teile sind wichtig. Das Leitbild des Ganzen ist die Aussage von Georg Meistermann über den Zusam­menhang der Kunst der Verfolgten des Nazis­mus und der Kunst der jungen Generation, die in einer Demokratie frei arbeiten können. Der Gegensatz ist kein Widerspruch, sondern aufklärend.

Strahlt das Konzept des Zentrums auf den Solinger Teil des Kunstmuseums, z.B. auf die Bergische Kunstausstellung aus?
Es gibt keine direkte Ausstrahlung. Die Künstler sollen frei arbeiten, die Besucher sehen den Gegensatz zwischen den beiden Be­reichen. Die Ausstellung der Solinger Schulen „Klasse Kunst“ war aber stark von politischen Aspekten geprägt.

Wie werden Schulen mit einbezogen? Verstärkt sich die Kooperation mit Schulen?
Die Kooperation mit Solinger Schulen verstärkt sich. Wir bauen die Museumpädagogik des Zentrums erst auf, die Kunstmuseum GmbH arbeitet daran schon länger. Das Kunstmuseum wird sich zukünftig noch mehr an die weiterführenden Schulen wenden.

Ließe sich die Wahrnehmung des Zent­rums/ des Kunstmuseums in der Stadt und in der Region steigern?
Ja, sie ließe sich steigern. Das Zentrum für verfolgte Künste konzipierte etwa die Ausstellung im Deutschen Bundestag zum 70. Jahrestag nach 1945 und der Befreiung der Menschen aus den Konzentrationslagern. Als dies veröffentlicht wurde, hat das in Solingen keine Zeitung gebracht. Der West­fälische Anzeiger berichtete auf zwei Seiten in Farbe, weil der Sammler der Bilder aus Westfalen stammt. Der niederländische „Volks­krant“ informierte ebenso ausführlich. Das ist in Solingen noch undenkbar. Die Wahr­­nehmung in der benachbarten Region ist medienbedingt zu gering. Es wird nicht in den Wuppertaler, Haaner, Hildener, Langenfelder Ausgaben der hiesigen Zeitungen berichtet. Nur, wenn es eine bundesweite Medienreso­nanz gibt, schließen sie sich die regionalen Zeitungen an. Die Krise der Tageszeitungen verstärkt das: Es findet eher weniger Kultur statt als mehr. Auch eine starke Internet­präsenz wäre keine Alter­native. Wir nutzen Facebook und Twitter, aber das erreicht nicht die Masse der Leute, die ältere Gener­ation informiert sich aus der Tageszeitung.

Welche Zusammenarbeit kann Solinger Schulen, Ver-einen und Einrichtun­gen an­g­eboten werden?
Wir sind dabei, den Schulen konkrete Projekte für einzelne Jahrgänge vorzuschlagen. Es können auch gemeinsame Pro­jekte entwickelt werden. Beispielsweise könnten wir den Mitgliedern von interessierten Vereinen das Zentrum vorstellen, wir könnten ein Stadtviertel ins Museum einladen. Zu bestimmten Anläs­sen oder an bestimmten Tagen könnte mit Hilfe von Spon­soren freier Eintritt geschaffen werden. Wir als Museum machen Vorschläge, aber wir sind auch offen für eigene Vorschläge interessierter Grup­­pen. Bei deutschsprachigen Führungen können zusätzliche Erklärungen z.B. auch in Arabisch oder Pol­nisch gegeben werden. Wir wollen, dass das Museum ein Haus für alle Bürger ist.

Das Gespräch führten Heinz Mähner und Dietmar Gaida