Schluß mit Lustig?

Zivilfahnder am Hauptbahnhof und auf dem Kampus warten mit Phantombildern auf Studierende; V-Männer und Frauen versuchen in die Arbeitskreise kritischer Studierender einzudringen, so daß diese gezwungen sind Studiaus-weise am Eingang zu kontrollieren; Einzelpersonen wird mit „Fertigmachen“ gedroht, wenn sie die „Zusammenarbeit“ verweigern; Horrorvisionen? Nein, Alltag an der Universität Köln Anfang 1998 und längst schon nicht mehr lustig. Nachdem Anfang des Jahres ein spontaner Demonstrationszug nach einer genehmigten Mahnwache von einer Polizeieskorte die halbe Nacht eingekesselt wurde, kann von freier Meinungsäußerung an der Uni keine Rede mehr sein. Was als eine witzige Idee der ach so harmlosen Studis begann, entpuppte sich als Falle des humorlosen Staates, der trotz all seiner Macht und eines hohen Aufgebots an uniformierten Provokateuren und zivilen Mitstreitern keine Eskalation herbeiführen konnte. Dies liegt möglicherweise auch am Verständnis der StudentInnen, denn schließlich waren viele der Protestierenden angehende PädagogInnen (u.a. Heil- und SonderpädagogInnen), die den Umgang mit besonders schwierigen Fällen gewohnt sind. Es gab jedenfalls keine Straßenschlacht oder Randale, und dies müßte die wohldesinformierten Bürger dieses Landes verwundern, denn es handelte sich offiziell in allen Medien um das gar schröcklichste Feindbild unserer unschuldigen Demokratur: einer Gruppe von „gewaltbereiten Autonomen“. Harmlose Studenten würden ja nie auf die Idee kommen, ein First Klass Hotel zu stürmen, oder? Daß Demonstranten über Nacht die Metamorphose zu gewaltbereiten Staatsfeinden durchlaufen, ist in Deutschland normal geworden und verwundert mich leider nicht mehr, doch das harte Vorgehen und die andauernde offene Schikane den Studierenden gegenüber ist etwas Neues in dieser sog. Republik. Besonders in Hinblick auf die neuen Ermächtigungsgesetze wird mir alles andere als warm uns Herz. Bei der Großdemo in Bonn letzten Jahres übte die Staatsmacht noch vornehm Zurückhaltung und begnügte sich mit Videoaufzeichnungen und kleineren Scharmüzzeln; selbst das Drängen der Studis in die Bannmeile veranlaßte sie lediglich, zu ermahnen, ein wenig den Schlagstock zu schwingen und die vordersten Reihen mit Tränengas zu benetzen. Den Einsatz von Wasserwerfern oder Einkesselungen konnte ich jedemfalls nicht beobachten. Selbst ein eleganter Vorstoß einer Gruppe von ca. 500 Studis über den Umweg der Rheinpromenade bis direkt vor den Bundestag blieb ohne Konsequenzen. Doch diese „Strategie der Deeskalation“ scheint nur Taktik angesichts der protestierenden Menschenmenge gewesen zu sein. Jetzt, nachdem die Presse die Bewegung totgeschrieben hat und die Basisgruppen neue Protestformen jenseits des Streiks praktizieren, läßt der Staat seine Bluthunde los und entlarvt sich wieder einmal selbst, ohne daß die Öffentlichkeit dem Beachtung schenkt. Natürlich fehlt es auch dieser Protestwelle an Basis, Konzepten, Mut, Überzeugung usw., und gegen die tollen Ikonen der 60er sind diese Stu-dentInnen von heute sowieso nur arme Würstchen. Alles wie immer, könnten wir sagen und in die gewonhnte linke Stammtischlethargie verfallen, aber schade ist es trotzden, wenn die junge Bewegung mangels Interesse im Sande verläuft. Nicht einmal die BLÖDzeitung hat in den StudentInnen den Feind erkannt und prophezeit den Untergang des Abendlandes. Protest ist bestenfalls für eine Weihnachtsmeldung gut. Auch die kritische Öffentlichkeit scheint gerade unabkömmlich, da ihre Meinung zu Mr. Presidents blow-job oder oder Rühes starker Truppe ungeheuer wichtig ist. Für Widerstand ist nun mal kein Platz auf den Schreibtischen der dicken Apoopas (omas), die sowieso alles besser wissen und gemacht haben und überhaupt: in Wahrheit ist der Marsch durch die Instanzen erst mit der Machtergreifung Daniel Cohn Bendits beendet! Alles wird gut, schreibt die Taz. Da bin ich ja mal gespannt. Wenn ich mir all die üblen Meldungen und Stimmungen zusammenreime, wird mir braun vor den Augen; da freue mich doch lieber mit allen, die Spaß daran haben, Widerstand zu leisten zu protestieren oder sonst was machen, nur um nicht tatenlos im Sumpf unterzugehen. Es mag ja ein bißchchen irre klingen, aber ich denke daß Spaß einer der wichtigsten Widerstandsfaktoren ist auch wenn der Inhalt der Protestes drunter leidet; durch Depressionen wird die Welt jedenfalls nicht besser, höchstens grauer. Also seid lustig und wehret euch.

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Internet: fsinfo.uni-duisburg.de/streik/studiverband