{"id":818,"date":"2016-07-19T14:03:12","date_gmt":"2016-07-19T14:03:12","guid":{"rendered":"http:\/\/tacheles-solingen.de\/?p=818"},"modified":"2016-07-19T14:03:54","modified_gmt":"2016-07-19T14:03:54","slug":"die-polizei-dein-freund-und-helfer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/tacheles-solingen.de\/?p=818","title":{"rendered":"\u2018Die Polizei, Dein Freund und Helfer\u2019"},"content":{"rendered":"<h1>Ein pers\u00f6nlicher Erfahrungsbericht<\/h1>\n<p><span style=\"font-family: Verdana,Arial,Helvetica;\">Als ich am 3.08. kurz vor 0.00 Uhr mit drei FreundInnen das Haus in der Richard-Wagner -Stra\u00dfe betrat, war eigentlich schon alles vorbei. <\/span><!--more--><span style=\"font-family: Verdana,Arial,Helvetica;\">Blasse Gesichter blickten uns aus einem Raum entgegen, in dem sich kurze Zeit vorher ein blutiges Drama abgespielt hatte, wie die dunkelroten Tropfen auf dem Holzfu\u00dfboden belegten. Ein kleiner Dackel beschnupperte mich schwanzwedelnd, wie sich sp\u00e4ter herausstellte, sollte dieser freundliche Hund Ausl\u00f6ser f\u00fcr das brutale Vorgehen der Polizei gegen\u00fcber der Hundebesitzerin gewesen sein. Resultat: Verdacht auf Nasenbeinbruch! Um den Schilderungen der \u00fcbriggebliebenen G\u00e4ste und der Gastgeberin \u00fcber die Vorf\u00e4lle, die sich an diesem Abend ereignet hatten, besser folgen zu k\u00f6nnen, tastete ich nach einem Stuhl und machte eine Bewegung, um mich zu setzen. \u201eVorsicht!\u201c sagte irgend jemand zu mir und zeigte auf die Stuhlbeine. Ich richtete mich erschreckt wieder auf und bemerkte, da\u00df sich der Stuhl irgendwie neigte. Von den vier Stuhlbeinen war eines nicht mehr da. Jetzt erst schaute ich mich in der K\u00fcche genauer um und entdeckte zertr\u00fcmmerte Teller, einen halb aus der Wand h\u00e4ngenden Heizk\u00f6rper und zerbrochene Gl\u00e4ser. Mitten in diesem Durcheinander aus schockierten Gesichtern und den Zeichen der Zerst\u00f6rung lag zusammengekn\u00fclltes Geschenkpapier und wie stumme Zeuginnen der Katastrophe: drei\u00dfig heruntergebrannte Kerzen eines Geburtstagskuchens.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Verdana,Arial,Helvetica;\">Die Schilderungen der G\u00e4ste \u00fcber den Tathergang fingen an, sich zu wiederholen. Ich versuchte die verschiedenen Fragmente zu ordnen: den verhafteten Hund, Chinab\u00f6ller, viele Polizeiwagen, in das Haus st\u00fcrmende \u201eBullen\u201c, verhaftete G\u00e4ste, die beschlagnahmte Kamera mit Film, blutende G\u00e4ste, schockierte Kinder u.s.w&#8230; Inzwischen geh\u00f6rte auch Herr Bertl (MdB) zu den aufmerksamen Zuh\u00f6rerInnen, schien aber ebenso ratlos zu sein wie wir. So beschlossen wir zu siebt \u2013 ein paar Partyg\u00e4ste und einige von der Gastgeberin nach dem Vorfall informierte Leute \u2013 mit Herrn Bertl zusammen zum Polizeipr\u00e4sidium zu fahren, um uns dort \u00fcber die sieben Festgenommenen zu informieren.<\/span><\/p>\n<h1>\u201eWer ist der Obersprecher?\u201c<\/h1>\n<p><span style=\"font-family: Verdana,Arial,Helvetica;\">Am Pr\u00e4sidium angekommen, erblickte ich als erstes einen Krankenwagen, der blau blinkend vor dem Geb\u00e4ude stand. Auf der Treppe zum Pr\u00e4sidium kam uns dann ein gerade entlassener Partygast entgegen. Er wu\u00dfte nichts \u00fcber den Verbleib der anderen Festgenommenen. Wir betraten also mit ihm zusammen das Geb\u00e4ude\u00a0 \u2013 f\u00fcr mich war es das erste Mal \u2013, gingen zur \u2018Anmeldung\u2019, und noch bevor ein Wort von uns gefallen war, wieso und warum wir hier seien, schallte uns die Stimme von Polizist 1 entgegen: \u201eDas sind mir aber eindeutig zu viele hier. Wer ist denn hier der Obersprecher?\u201c Ich konnte mir ein Grinsen nicht verkneifen und Herr Bertl entgegnete ganz anarchistisch: \u201eWir haben keinen Obersprecher.\u201c Im selben Moment \u00f6ffnete sich neben uns eine T\u00fcre und ein weiterer Partygast, diesmal in Begleitung von zwei Sanit\u00e4tern, kam uns ziemlich bla\u00df und in merkw\u00fcrdig gebeugter Haltung entgegen. Seine Seite haltend wurde er mit Verdacht auf Rippenbruch ins Krankenhaus gebracht. Polizist 1 war derweil immer noch damit besch\u00e4ftigt, uns immer lauter werdend zu erkl\u00e4ren, da\u00df wir sofort einen \u2018Obersprecher\u2019 br\u00e4uchten, nur dieser (eine Frau schlo\u00df er von vornherein als \u2018Obersprecherin\u2019 aus) k\u00f6nne hier bleiben und alle anderen m\u00fc\u00dften vor der T\u00fcre warten. Und jetzt geschah etwas, wie ich es bisher nur aus dem Fernsehen kannte: Herr Bertl trat nah an den Tisch der Anmeldung heran und hielt seinen Abgeordnetenausweis dem Polizist 1 direkt unter die Nase, vielleicht etwas zu nah, denn als Herr Bertl den Ausweis wieder einstecken wollte, fragte Polizist 1 vorsichtig: \u201eDarf ich noch mal sehen?\u201c Nat\u00fcrlich tat Herr Bertl ihm den Gefallen, h\u00e4tte er aber nicht gebraucht, denn an Polizist 1 dr\u00e4ngte sich in diesem Moment Polizeichef Christ vorbei, hatte \u2018Obersprecher\u2019 Bertl wohl als solchen sofort erkannt, begr\u00fc\u00dfte ihn mit Handschlag und schon waren die beiden Herren in irgendwelchen f\u00fcr uns verbotenen R\u00e4umen verschwunden.<\/span><b><\/b><\/p>\n<h1>\u201eIm Notfall mache ich von meinem Hausrecht Gebrauch!\u201c<\/h1>\n<p><span style=\"font-family: Verdana,Arial,Helvetica;\">Da standen wir nun und wollten auf Herrn Bertls R\u00fcckkehr warten. Polizist 1 hatte inzwischen Verst\u00e4rkung von Polizist 2 bekommen und die beiden versuchten uns nun gemeinsam (immer nerv\u00f6ser und lauter werdend) davon zu \u00fcberzeugen, da\u00df wir vor der T\u00fcre warten m\u00fc\u00dften. Wir k\u00f6nnten uns dann mit dem Pressesprecher der Wuppertaler Polizei unterhalten, der bereits hierher unterwegs sei. Wir wollten ja keinen \u00c4rger und gingen deshalb, zwar etwas murrend, tats\u00e4chlich brav vor die T\u00fcre und standen nun in so etwas wie einem Vorflur des Polizeipr\u00e4sidiums. Ich habe wirklich gedacht, da\u00df das in Ordnung sein m\u00fc\u00dfte, wenn wir hier warteten; Fenster und T\u00fcren waren geschlossen und so konnte sich weder die emsig arbeitende Polizei durch uns gest\u00f6rt f\u00fchlen, noch gab es hier irgend etwas, das wir h\u00e4tten kaputt machen k\u00f6nnen. Doch Polizist 1 und Polizist 2 sahen das offenbar anders. Wutschnaubend kamen sie in den Vorflur und befahlen uns lautstark, sofort die R\u00e4umlichkeiten zu verlassen. Das l\u00f6ste nat\u00fcrlich zwischen uns und den Polizisten eine heftige Diskussion aus, denn wir verstanden wirklich nicht, wen oder was wir mit unserem stillen Aufenthalt im Vorflur st\u00f6ren k\u00f6nnten. Polizist 2 wurde immer w\u00fctender und rief mit derbem Ton immer wieder: \u201eJetzt ist Sense!\u201c Irgendwer von uns fragte dann, ob sie uns denn hier genauso hinauspr\u00fcgeln w\u00fcrden, wie die G\u00e4ste im Haus der Richard-Wagner-Stra\u00dfe und die Antwort von Polizist 2: \u201eIm Notfall mache ich von meinem Hausrecht Gebrauch.\u201c Es ging noch ein Weile so hin und her, aber bevor eine weitere Katastrophe ausgel\u00f6st werden konnte, verlie\u00dfen wir nat\u00fcrlich das Geb\u00e4ude.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Verdana,Arial,Helvetica;\">Ein paar Sekunden sp\u00e4ter stand Herr Bertl wieder vor uns und berichtete von seiner Unterredung mit Herrn Christ: Die noch f\u00fcnf Inhaftierten w\u00fcrden bis zum n\u00e4chsten Morgen im Pr\u00e4sidium bleiben, einige sollten Anzeigen wegen \u2018Widerstand gegen die Staatsgewalt\u2019 bekommen, und die Kamera und der Film seien als Beweismaterial beschlagnahmt worden. Das waren nicht viele Informationen, aber wenigstens etwas.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Verdana,Arial,Helvetica;\">Es war inzwischen schon ca. 1.30 Uhr, und wir \u00fcberlegten einen Moment lang, ob wir noch auf den angek\u00fcndigten Pressesprecher der Polizei warten sollten. Wir hatten jedoch den Verdacht, da\u00df es bis zu seinem Auftauchen noch recht lange dauern k\u00f6nnte. Frustriert und w\u00fctend \u00fcber die grenzenlose \u00dcberheblichkeit und Ignoranz der diensthabenden Beamten verlie\u00dfen wir deshalb die graue Festung des Staatsschutzes und machten uns eilig davon.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Verdana,Arial,Helvetica;\">Eva Thomas<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein pers\u00f6nlicher Erfahrungsbericht Als ich am 3.08. kurz vor 0.00 Uhr mit drei FreundInnen das Haus in der Richard-Wagner -Stra\u00dfe betrat, war eigentlich schon alles vorbei.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[257],"tags":[197,261,33,262,5],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/tacheles-solingen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/818"}],"collection":[{"href":"https:\/\/tacheles-solingen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/tacheles-solingen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/tacheles-solingen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/tacheles-solingen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=818"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/tacheles-solingen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/818\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":819,"href":"https:\/\/tacheles-solingen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/818\/revisions\/819"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/tacheles-solingen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=818"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/tacheles-solingen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=818"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/tacheles-solingen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=818"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}