{"id":797,"date":"2016-07-14T16:04:12","date_gmt":"2016-07-14T16:04:12","guid":{"rendered":"http:\/\/tacheles-solingen.de\/?p=797"},"modified":"2016-07-14T16:04:12","modified_gmt":"2016-07-14T16:04:12","slug":"den-kopp-voll-nix-aber-davon-viel-teil-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/tacheles-solingen.de\/?p=797","title":{"rendered":"Den Kopp voll Nix &#8211; aber davon viel (Teil 2)"},"content":{"rendered":"<h1>Journalistische Lehrjahre in der Provinz<br \/>\n<b><\/b><br \/>\n<b><\/b><\/h1>\n<p><!--more--><\/p>\n<table border=\"0\" width=\"100%\" cellspacing=\"0\" cellpadding=\"10\" bgcolor=\"#CCCCCC\">\n<tbody>\n<tr>\n<td><b><span style=\"font-family: Verdana,Arial,Helvetica;\">Erich M\u00fchselig\u2019s Geschichtsstunde<\/span><\/b><span style=\"font-family: Verdana,Arial,Helvetica;\">Wir erinnern uns:<\/span><br \/>\n<span style=\"font-family: Verdana,Arial,Helvetica;\">Beim St\u00f6bern in einem Berliner Antiquariat, im Sommer \u201983, entdeckte ich in einer Anthologie u.a. einen Text von Wolfgang Stenke, eine Art Diskurs \u00fcber die Provinz und zugleich ein satirischer R\u00fcckblick auf ein Solingen der sp\u00e4ten 60er. Wegen seiner immer noch erschreckenden Aktualit\u00e4t hatte er eine Neuauflage durchaus verdient, weshalb wir ihn in zwei Teilen nachdrucken.<\/span><br \/>\n<span style=\"font-family: Verdana,Arial,Helvetica;\">Am besten also zur Auffrischung noch einmal den ersten Teil (im \u201dlinken Kampfblatt\u201d tacheles Nr.8) zur Hand genommen, denn jetzt geht\u2019s nach der Einf\u00fchrung in den Solinger Provinzmief\u00a0 weiter mit W. Stenkes Lehr- und Herrenjahren beim Solinger Tageblatt.<\/span><br \/>\n<span style=\"font-family: Verdana,Arial,Helvetica;\">Wie bereits gesagt: wohl jeder mit den lokalen Gegebenheiten einigerma\u00dfen vertraute Mensch wird die Zust\u00e4nde in unserer geliebten Heimatstadt noch immer treffend portr\u00e4tiert finden. Genug der einleitenden Worte, lehnt euch behaglich zur\u00fcck und lest selbst.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Verdana,Arial,Helvetica;\">Erich M\u00fchselig<\/span><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p><strong><span style=\"font-family: Verdana,Arial,Helvetica;\">Der junge Kollege, der das offene Wort liebte<\/span><\/strong><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Verdana,Arial,Helvetica;\">Von solcher Beschaffenheit ist das Pflaster, auf dem ich Journalist wurde. Und was f\u00fcr einer, wenn ich dem Zeugnis trauen darf, das mir der Chef am Ende der Volont\u00e4rzeit ausgestellt hat. Ich mu\u00df schon w\u00f6rtlich zitieren, um mit hinreichender Deutlichkeit darzustellen, wie man aus mir in jenen Jahren eine allseits entwickelte journalistische Pers\u00f6nlichkeit gemacht hat. Also: \u201dEr erhielt eine praxisnahe Ausbildung in Allen Ressorts. Schreibtisch- und Au\u00dfenarbeit an der Front des Tagesgeschehens standen dabei im Vordergrund. Wir haben auf kurze, pr\u00e4zise und lebendige Berichterstattung besonderen Wert gelegt, damit er den Anforderungen einer modernen Tageszeitung gerecht werden kann. Zu seinemn besonderen Anliegen geh\u00f6rten Politik, brennende Probleme der Gegenwart und flotte Reportagen. Er schrieb einen klaren, n\u00fcchternen Stil, der die Dinge ohne Umschweife beim Namen nannte. (&#8230;) Wir haben Herrn Stenke w\u00e4hrend seiner Ausbildungszeit als p\u00fcnktlichen, flei\u00dfigen sowie jederzeit einsatz- und hilfsbereiten Volont\u00e4r kennengelernt. Erwurde in der Redaktion als meinungsfreudiger junger Kollege gesch\u00e4tzt der das offene Wort liebte.\u201d<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Verdana,Arial,Helvetica;\">Der junge Kollege mit der Liebe zum offenen Wort wurde gleich zu Beginn seiner Ausbildung zum Verleger bestellt, weil es an seiner Jacke einen Button gab, den die Verlagsleitung nicht tolerieren mochte. Dieser Button &#8211; es handelte sich um des Zeichen der Ostermarschbewegung &#8211; war ein dunkler Punkt in meiner erst wenige Tage w\u00e4hrenden Laufbahn, denn 1. gab man mir zu verstehen, da\u00df er sich nicht mit der von den journalistischen Mitarbeitern f\u00fcglich zu erwartenden \u00dcberparteilichkeit vertr\u00fcge, und 2. gab ich klein bei, weil mir zu dieser verlegerischen Phillipika nun wirklich nichts mehr einfiel. Damit hatte ich bereits eine grundlegende Lektion gelernt: Beim Betreten des Hauses waren politische \u00dcberzeugungen an der Garderobe abzugeben &#8211; oder, um Paul Sethe zu zitieren: Pressefreiheit ist die Freiheit von wenigen reichen Leuten, ihre Meinung drucken zu lassen. Fortan schaute ich morgens etwas weniger optimistisch in den Spiegel und gew\u00f6hnte mich daran, jene Spruchweisheit zu memorieren, die besagt, da\u00df man Lehrjahre keineswegs mit Herrenjahren verwechseln d\u00fcrfe.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Verdana,Arial,Helvetica;\">Freilich sollte man die Kirche gef\u00e4lligst im Dorf lassen. So will ich mich denn auch nicht zum permanent geschurigelten Schmerzensmann stilisieren und die Zensurstories, die jetzt eigentlich f\u00e4llig w\u00e4ren, au\u00dfen vor lassen. Direkte Eingriffe in die redaktionelle Arbeit gab es n\u00e4mlich kaum, sie waren auch nur selten n\u00f6tig. Meistens funktionierte die Schere im Kopf ganz von selbst &#8211; und bei einigen Kollegen gab es ohnehin nichts zu schneiden, die tippten ihre Berichte eh schneller in die Maschine als sie denken konnten. Sicher, ich hab\u2019 eine Situation erlebt, die mich sehr w\u00fctend gemacht hat, wurde ich doch in der Redaktionskonferenz wegen eines Manuskriptes heruntergemacht, das sich kritisch mit der zustimmenden Reaktion einer orthodox-kommunistischen Gruppe auf den Einfall der Warschauer-Pakt-Staaten in die CSSR auseinandersetzte (Argument meiner Kontrahenten: \u201dMan darf diese Leute nicht noch aufwerten, indem man \u00fcber sie berichtet.\u201d), aber das waren Kindereien, verglichen mit dem Talmi, den unsereiner ohne eine Spur von Selbstkritik in die Setzerei getragen hat.<\/span><\/p>\n<p><strong><span style=\"font-family: Verdana,Arial,Helvetica;\">Im Obdachlosenasyl<\/span><\/strong><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Verdana,Arial,Helvetica;\">Ein Beispiel: Bei der Suche nach einem zugkr\u00e4ftigen Reportagethema verfiel ich darauf, eine Nacht in einem Obdachlosenasyl zu verbringen, um anschlie\u00dfend dar\u00fcber zu schreiben. Das h\u00e4tte eine Geschichte werden k\u00f6nnen &#8211; es wurde auch eine, aber eben eine Reportage von der Art, die mehr \u00fcber den Schreibenden aussagt als \u00fcber den Gegenstand, den er beschreibt. nat\u00fcrlich hatte ich vorher Wallraff gelesen, kannte seine fr\u00fchen Reportagen aus der Pardon und h\u00e4tte es eigentlich besser wissen (und machen!) k\u00f6nnen, aber nein &#8211; ich war zu sehr auf Effekte aus, um mich auf das Leben der Menschen, die im Obdachlosenasyl zu Solingen n\u00e4chtigen, ernsthaft einzulassen. Wenn ich diesen Text heute lese, den ich mal verfa\u00dft haben soll, dann frage ich mich inst\u00e4ndig, ob dessen Autor tats\u00e4chlich jener junge Mann war, der ungef\u00e4hr im gleichen Zeitraum auf dem Weg zur Arbeit, stehend im Bus, Herbert Marcuses Aufsatz \u00fcber Repressive Toleranz verschlungen hat. Leugnen hilft da nicht, schlie\u00dflich steht mein Name unter jener Reportage, die am 28. September 1968 im \u201dSolinger Tageblatt\u201d erschien: \u201dST-Reporter schlief in Solingens billigstem Hotelbetrieb\/Pro Nacht nur 50 Pfennige\/Im Obdachlosenasyl in Ohligs mit Pennern und Tingelbr\u00fcdern\u201d.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Verdana,Arial,Helvetica;\">Die Kollegen geizten damals nicht mit Lob, kritisiert hat mich keiner wegen dieses Textes, der genau das war, was auch gew\u00fcnscht wurde: eine \u201dflotte Reportage\u201d, flott recherchiert, flott geschrieben, flott im Aussparen von Problemen und fix im Urteil &#8211; eben das was dabei herauskommt, wenn der B\u00fcrger \u00fcber den Tellerrand guckt und irgendwo da unten, nicht ganz ohne Mitleid, die randst\u00e4ndigen Existenzen der Gesellschaft wahrnimmt. Allein von der Technik der Recherche her war diese Reportage ein Unding. Ich meldete mich \u00fcber das Presseamt der Stadt beim Verwalter des Asyls an, verbarg aber gegen\u00fcber den Bewohnern meine Identit\u00e4t. Als \u00e4u\u00dferliche Tarnung w\u00e4hlte ich ein dezent vergammeltes R\u00e4uberzivil &#8211; Parka verbeulte Cordhose, schmutziges Khakihemd &#8211; so w\u00fcrde ich wohl nicht auffallen, dachte ich, und h\u00e4tte die M\u00f6glichkeit, als teilnehmender Beobachter einen Ausschnitt aus dem Leben Nichtse\u00dfhafter zu beschreiben. Den Begriff der teilnehmenden Beobachtung kannte ich damals noch nicht, den habe ich erst sp\u00e4ter im Soziologischen Seminar der Uni K\u00f6ln gelernt; er trifft auch gar nicht den Sachverhalt, um den es hier geht. Ich kam als Voyeur und ging nach zehn Stunden Aufenthalt im Asyl mit einer Story im Kopf, die andere dann bei Kaffee und Br\u00f6tchen als nette Fr\u00fchst\u00fcckslekt\u00fcre gelesen haben. Mit dem Zwang zur Professionalit\u00e4t ist dieses Zeug nicht\u00a0 zu rechtferigen. Profesionell w\u00e4re es gewesen, Leute anzusprechen, ihnen zu sagen, wer ich bin, sie zu fragen, was ich wissen wollte und ihnen freizustellen, mit mir zu reden oder nicht. So aber schaute ich nur zu, hatte keine M\u00f6glichkeit offen zu fragen und nahm mir selbst die Chance, etwas zu begreifen. Noch nicht einmal das Gef\u00fchl der Gelassenheit und Bedr\u00fcckung, das ich damals empfand, als ich mich beim Schein einer 40-Watt-Birne auf einer muffigen Seegrasmatratze ausstreckte, habe ich thematisieren k\u00f6nnen. Stattdessen schrieb ich S\u00e4tze wie diese: \u201dUm sechs Uhr ist Wecken. Was das tr\u00fcbe Licht der Lampe am Abend verschleierte, sehe ich jetzt: L\u00f6chrige, gelblich-graue Unterw\u00e4sche, schmutzige Socken, speckige Jacken. Die Morgentoilette ist kurz, bei einigen f\u00e4llt sie ganz aus. Die ersten Zigaretten werden gedreht. Einer macht sich dran, das Zimmer auszufegen. Auch wenn man arm ist, kann man ordentlich bleiben, Junge!, meint er zu mir.\u201d Was es auf sich hatte mit diesem Mann und seiner Liebe zur Ordnung angesichts einer Situation totaler sozialer Deklassierung habe ich nie herausbekommen. Ich wollte es wohl ernsthaft auch gar nicht wissen, sonst h\u00e4tte ich mich schon getraut, ihn nach seiner Lebensgeschichte zu fragen; damals reichten mir ein paar zitierf\u00e4hige S\u00e4tze.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Verdana,Arial,Helvetica;\">Was mich andieser Geschichte nachtr\u00e4glich noch \u00e4rgert, ist die Tatsache, da\u00df von meinen Kollegen &#8211; angeblich alles gestandene Journalisten &#8211; keiner die Stirn hatte, mir meine Reportage um die Ohren zu hauen. Schlie\u00dflich war dieser Text Produkt einer Ausbildung, h\u00e4tte gerade deshalb sorgf\u00e4ltig gelesen und diskutiert werden m\u00fcssen. Doch sind von einem Groschen nicht mehr zu erwarten als zehn Pfennige: Mehr als ich wollten die damals auch nicht, sie hatten ihre Arbeit und waren ansonsten froh, wenn einer kam, von dem sie glaubten, er liefere druckreife Manuskripte. Da\u00df schon der Versuch, in wenigen Stunden etwas Mitteilungsw\u00fcrdiges \u00fcber ein Obdachlosenasyl und seine Bewohner zu erfahren, von purer Hybris zeugte, ist anscheinend niemandem aufgefallen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Verdana,Arial,Helvetica;\">Und schon ist er wieder eingetreten, der allseits bekannte Rathaus-Effekt. Wenn man von von dort kommt, ist man bekanntlichkl\u00fcger als zuvor. Folglich hat es wenig Sinn, noch heute auf mir selbst und den alten Kollegen herumzuhacken. Die waren halt gepr\u00e4gt von den Produktionsbedingungen einer Tageszeitung: Termindruck, nochmal Termindruck &#8211; Hauptsache, das Blatt wird voll.<\/span><b><\/b><\/p>\n<p><strong><span style=\"font-family: Verdana,Arial,Helvetica;\">Vom Planen &amp; Parken<\/span><\/strong><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Verdana,Arial,Helvetica;\">Stichwort Rathaus: Was damals, Ende der sechziger Jahre,dort von einer SPD\/FDP-Koalition ausgekungelt worden ist, versehrt noch heute nachhaltig das Stadtbild. Durchreisende Fremde trifft regelm\u00e4\u00dfig der bergische Hammer, wenn sie l\u00e4ngs der B 224, die mitten durchs Zentrum f\u00fchrt, jene \u00d6dfl\u00e4chen erblicken, auf deren geschottertem Boden sich tags\u00fcber der ruhende Verkehr ansammelt. Dieses Nachtw\u00e4chtergel\u00e4nde hat zwar den unbestreitbareb Vorzug, da\u00df man todsicher einen Parkplatz findet, wenn die Mitarbeiter des Einwohnermeldeamtes glauben Grund zu haben, einen Sohn der Klingenstadt auf das Rathaus zuzitieren (z.B. von wegen Versto\u00dfes gegen das Meldegesetz f\u00fcr das Land Nordrhein-Westfalen vom 25.5.1960, GV. NW 1960, S.81), zugleich aber den Nachteil, da\u00df diesem gewaltigen Parkareal eine Reihe durchaus ansehnlicher Schieferh\u00e4user und Gr\u00fcnderzeitbauten zum Opfer gefallen ist. Ich mu\u00df mich korrigieren: In den sechziger Jahren waren diese H\u00e4user schon nicht mehr so ansehnlich &#8211; weil Eigent\u00fcmer und Kommune sie planm\u00e4\u00dfig verfallen lie\u00dfen, da der Plan auf dem sie standen, von der Verwaltung f\u00fcr einen Rathausneubau auserkoren worden war. In der Folge wurde munter abgebrochen. Ob die st\u00e4dtischen Bediensteten ihr neues Rathaus kriegen werden, steht auch 1982 noch dahin. Die Baupl\u00e4ne wurden einstweilen mangels finanzieller Muskeln auf den Sankt-Nimmerleins-Tag verschoben. Das hat allerdings den unbestreitbaren Vorzug, da\u00df . . . siehe oben.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Verdana,Arial,Helvetica;\">\u00dcber jene eigenartige Form der Beschaffenheit von Parkpl\u00e4tzen h\u00e4tte ein findiger Journalist schon Ende der sechziger Jahre nachdenken, recherchieren und schreiben m\u00fcssen. Stattdessen h\u00f6rten ich und die anderen w\u00e4hrend langer Stadtratssitzungen geduldig zu, wie ein Fl\u00e4chennutzungsplan nach dem anderen in sturer Routine durchgezogen wurde, verfa\u00dften einspaltige Meldungen dar\u00fcber, wenn\u2019s nicht gerade um die allseits begr\u00fc\u00dften Neubautebn von C&amp;A (charmant &amp; anpassungsf\u00e4hig) oder Karstadt ging, &#8211; die waren schon ein paar Dreispalter wert &#8211; und lie\u00dfen die Honaratioren der Stadt freundlich gew\u00e4hre. Die Zeichen der Zeit standen nun einmal auf Fortschritt, es konnte alles nur sch\u00f6ner, besser, moderner werden.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Verdana,Arial,Helvetica;\">Freilich: Den Volont\u00e4r, der damals seinen auf technokratischen Vorstellungen von Wachstum und Modernisierung geeichten Kollegen dar\u00fcber ein Licht aufgesteckt h\u00e4tte, den m\u00f6chte ich gerne mal kennenlernen &#8211; der Pulitzer-Preis w\u00e4re das mindeste, was er verdient h\u00e4tte.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Verdana,Arial,Helvetica;\">Das also waren die Dinge, \u00fcber die ich nicht geschrieben habe. Angesagt waren ganz andere Themen &#8211; und bei denen durfte ich mich als Stilist von hohen Graden bew\u00e4hren: Goldhochzeiten, Polizeihundpr\u00fcfungen, 90. Geburtstage, Gesch\u00e4ftser\u00f6ffnungen, die allj\u00e4hrlich wie die Influenza hereinbrechenden Generalversammlungen der zahllosen Vereine. Hier galt die Faustregel, da\u00df pro Namensnennung mindestens ein verkauftes Exemplar der Zeitung in Rechnung zu stellen war. Human touch zahlt sich aus. &#8211; \u00dcbrigens denke ich nicht blo\u00df mit Zynismus an solche Termine; gelegentlich war es bewegend zu sehen, wie alte Menschen sich dar\u00fcber freuten, da\u00df die Lokalzeitung, die sie immer als die ihre Begriffen hatten, Interesse an ihnen und ihrer Lebensgeschichte zeigte. Das sah dann oft so aus, da\u00df der Fotograf und ich nach Aufnahme des obligaten Foto vom Jubelpaar (\u201c Vatter, donn de Teng erinn, dat Bl\u00e4ttschen es do\u201d &#8211; \u00dcbersetzung: \u201cVater, setz\u2019 das Gebi\u00df ein, das Bl\u00e4ttchen ist da\u201d) sehr energisch zu Kaffe und Kuchen gen\u00f6tigt wurden. Jedenfalls habe ich mich an solchen Kaffetafeln wohler gef\u00fchlt als bei jenen Boutique-Er\u00f6ffnungen, zu denen ein Vertreter der Redaktion auf dringliches Bitten der Anzeigenabteilung geschickt wurde, um zum bezahlten Inserat noch ein paar kostenlose PR-Zeilen zu liefern.<\/span><\/p>\n<p><strong><span style=\"font-family: Verdana,Arial,Helvetica;\">\u201cTinnef, Tinnef, Tinnef\u201d<\/span><\/strong><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Verdana,Arial,Helvetica;\">\u00dcberhaupt die Verquickung von Kommerz und Lokaljournalismus &#8211; nirgends ist sie mir heftiger auf den Geist gegangen als bei den zwanzigzeiligen Filmkritiken, die ich freitags, wenn Programmwechsel in den Kinos war, abzuliefern hatte. Das spielte sich so ab: Der Redakteur suchte sich einen der wenigen gescheiten Filme aus, die gerade liefen &#8211; meinetwegen einen Streifen von Ingmar Bergmann. Ich durfte mir dann mit ein paar freien Mitarbeitern den mediokren bis saum\u00e4\u00dfigen Bodensatz des Solinger Kinoprogramms anschauen &#8211; Filme mit so unverge\u00dflichen Titeln wie \u201cDer n\u00e4chste Herr, die selbe Dame\u201d oder \u201cOtto ist auf Frauen scharf\u201d. Da die Verlagsleitung auch f\u00fcr solche Termine keine Erschwerniszulage zahlte ging ich von der Annahme aus, ich h\u00e4tte zumindest das Recht, mich meiner Frustrationen schreibend zu entledigen. Das allerdings beruhte auf Selbstt\u00e4uschung. Nach ein paar wundersch\u00f6nen Verrissen &#8211; damals gelangen mir so denkw\u00fcrdige Einleitungss\u00e4tze wie \u201cTinnef, Tinnef, Tinnef\u201d &#8211; nahm mich der zust\u00e4ndige Redakteur beiseite und gab mir zu verstehen, da\u00df einer der lokalen Kino-Oligopolisten sich beschwert habe. Wenn er die b\u00f6sartige Tendenz meiner Filmkritiken nicht mildern k\u00f6nne, dann sei es aus mit Pressekarten f\u00fcr seine Kinos. Und folglich ward der \u201cTinnef\u201d aus meinem Manuskript getilgt.<\/span><\/p>\n<p><strong><span style=\"font-family: Verdana,Arial,Helvetica;\">Lernziel Solidarit\u00e4t<\/span><\/strong><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Verdana,Arial,Helvetica;\">\u00dcber solche Begebenheiten lie\u00dfe sich noch des l\u00e4ngeren jammern und sticheln. Freilich gab es in dieser Zeit auch die grundlegende Erfahrung, da\u00df Solidarit\u00e4t m\u00f6glich ist. Die allerdings habe ich selten im Umgang mit den Kollegen von der Journaille gemacht, wohl aber in der Zusammenarbeit mit Metteuren, Korrektoren, Setzern. Mein Volontariat fiel in die Phase, in der radikale Demokraten, vom freischwebenden Tintenpisser bis zum Metaller, gegen die Notstandsgesetze Front machten. Zwar vergeblich, wie wir alle wissen &#8211; es blieb ohnehin nicht die letzte Niederlage, die die Linke in diesem Land hat einstecken m\u00fcssen -, aber bei diesem Versuch, von der Basis her auf die gro\u00dfe Politik Einflu\u00df zu nehemen, habe ich etwas gelernt, was den Leuten an der Uni, die so elegant von der Arbeiterklasse reden konnten, immer nur ein abstraktes Postulat geblieben ist: da\u00df Arbeiter und Intellektuelle, vermittelt durch die Kategorie der Lohnabh\u00e4ngigkeit, identische Interessen haben. So gesehen hatte der Sternmarsch auf Bonn, zu dem wir am 11. Mai 1968 im gemieteten Reisebus aufbrachen, durchaus seine Folgen. Ich zumindest kannte einige dieser fremdartigen Wesen, Arbieter genannt, \u00fcber die wenig sp\u00e4ter auf dem \u2018jour fixe\u2019 des K\u00f6lner SHB oder den Veranstaltungen der universit\u00e4ren Basisgruppen immer ger\u00e4tselt wurde &#8211; schlie\u00dflich hatte ich mit ihnen nicht nur gearbeitet, nach Feierabend oder in der Pause Bier getrunken, sondern auch mit ihnen in jenem Bus gesessen, der zur Notstandsdemo nach Bonn fuhr. Fortan erging es mir\u00a0 \u00e4hnlich wie Pawlows Hund, wenn einer wortgewandt die Verblendungszusammenh\u00e4nge des Kapitalismus unter besonderer Ber\u00fccksichtigung der Bewu\u00dftseinslage der Arbeiterklasse analysierte. Damals wie heute denke ich fast automatisch an Manfred, der mit mir die Lokalseiten umbrach oder an Konrad, der seine Schichten im Korrektorat durchzog &#8211; die und viele andere aus der Technik blickten durch, auch wenn sie die blauen B\u00e4nde der MEW nicht zu Hause in der Schrankwand stehen hatten.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Verdana,Arial,Helvetica;\">Ob es sinnvoll sei, ein Volontariat bei einer Tageszeitung zu machen, wurde ich neulich von einem Abiturienten gefragt. Aber immer, ihr Traumt\u00e4nzer aller L\u00e4nder, kann ich da blo\u00df sagen, ihr habt nichts zu verlieren als eure Illusionen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Verdana,Arial,Helvetica;\">Wolfgang Stenke<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Journalistische Lehrjahre in der Provinz<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[220],"tags":[140,57,35,139,116,5,108],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/tacheles-solingen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/797"}],"collection":[{"href":"https:\/\/tacheles-solingen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/tacheles-solingen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/tacheles-solingen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/tacheles-solingen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=797"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/tacheles-solingen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/797\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":798,"href":"https:\/\/tacheles-solingen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/797\/revisions\/798"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/tacheles-solingen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=797"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/tacheles-solingen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=797"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/tacheles-solingen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=797"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}