{"id":738,"date":"2016-07-06T11:04:09","date_gmt":"2016-07-06T11:04:09","guid":{"rendered":"http:\/\/tacheles-solingen.de\/?p=738"},"modified":"2016-07-06T11:04:35","modified_gmt":"2016-07-06T11:04:35","slug":"interview-mit-der-initiative-den-krieg-ueberleben","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/tacheles-solingen.de\/?p=738","title":{"rendered":"Interview mit der Initiative \u201eDen Krieg \u00fcberleben\u201c"},"content":{"rendered":"<p>\u201eDeutsche Beitr\u00e4ge\u201c zum friedlichen Zusammenleben aller Menschen auf der Welt ver\u00e4nden sich mit rasanter Geschwindigkeit in die Richtung der offen milit\u00e4risch gef\u00fchrten Konfliktl\u00f6sung und weg von humanit\u00e4ren Hilfen. <!--more-->Ein gutes Beispiel daf\u00fcr ist der Umgang mit den bosnischen Kriegsfl\u00fcchtlingen. Kaum war der Beschlu\u00df zum Kampfeinsatz der Bundeswehr in Bosnien gefasst, wurde auch schon die Ausweisung der bosnischen Kriegsfl\u00fcchtlinge beschlossen. Am 26.1.96 einigten sich die Landesinnenminister auf einen Stufenplan zur \u201eR\u00fcckf\u00fchrung\u201c der Kriegsfl\u00fcchtlinge in das ausgebombte und von gesch\u00fcrtem Hass zwischen den Volksgruppen bestimmte Bosnien. Danach m\u00fcssen ab dem 1.Juli 96 rund 200 000, und damit die meisten der insgesamt etwa 320 000 in Deutschland lebenden bosnischen Kriegsfl\u00fcchtlinge mit ihrer Ausweisung rechnen. Davon sind alleinstehende Erwachsene sowie Ehepaare ohne Kinder betroffen. Ausgenommen von der Abschiebung zum 1. Juli sind seelisch beeintr\u00e4chtigte Personen, mindestens 65 Jahre alte Fl\u00fcchtlinge ohne Familie in Bosnien, aber mit aufenthaltsberechtigten Verwandten in Deutschland, ZeugInnen in Kriegsverbrecherprozessen und Jugendliche, die hier kurz vor Abschluss ihrer Ausbildung stehen. Diese sollen dann in der zweiten Phase -Mitte n\u00e4chsten Jahres- ausgewiesen werden. Geplant ist die Abschiebung aller bosnischen Kriegsf\u00fcchtlinge.<\/p>\n<p>Am 8.296 beschlo\u00df der Bundestag zus\u00e4tzlich mit den Stimmen von CDU und SPD eine weitere Versch\u00e4rfung der Situation der hier lebenden Asylbewerberlnnen. K\u00fcnftig erhalten diese f\u00fcr die Dauer des gesamten Asylverfahrens nur Sachleistungen oder 80% des Sozialhilfesatzes, Arztbesuche werden auf eine medizinische Notversorgung eingeschr\u00e4nkt. W\u00e4hrend der Gesetzgeber immer neue Initiatven zur beschleunigten Abschiebung und zur Abschreckung von Fl\u00fcchtlingen beschlie\u00dft, gibt es auch in Solingen einige Gruppen die den Fl\u00fcchtlingen helfen.<br \/>\nDie facheles f\u00fchrte ein Interview mit der Solinger Initiative f\u00fcr die Opfer des Krieges auf dem Balkan \u201eDen Krieg \u00fcberleben\u201c. Die Initiative organisiert Hilfsg\u00fctertransporte nach Bosnien, Kroatien und Restjugoslawien und betreut hier lebende Fl\u00fcchtlinge aus Ex-Jugoslawien u.a. bei deren oft schwierigen Auseinandersetzungen mit dem Solinger Ausl\u00e4nderamt<\/p>\n<p><em><strong>tacheles: Seit wann gibt es die Initiative und worin besteht Eure Arbeit?<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Die Initative hat sich im September 1993 ge: gr\u00fcndet und besteht aus einer Gruppe von Menschen, die versuchen m\u00f6chten, die Not der Opfer des Balkankriegeszulindern. Wirarbeitenin Kooperation mit dem Caritasverband, der uns organisatorisch unterst\u00fctzt. Alle MitarbeiterInnen arbeiten auf ehrenamtlicher Basis und brachten Erfahrungen aus fr\u00fcheren T\u00e4tigkeiten mit. Zwei Mitarbeiter haben an freiwilligen Eins\u00e4tzen in Fl\u00fcchtlingslagern im ehemaligen Jugo slawien teilgenommen. Nachdem im Fr\u00fchjahr 92 die Grenzen f\u00fcr bosnische Kriegsfl\u00fcchtlinge geschlossen worden sind, haben sich bundesweit Initiativen gebildet, deren Ziel darin bestand, den Menschen einen Aufenthalt im sicheren Deutschland zu erm\u00f6glichen. Dies erwies sich allerdings als eine sehr schwierige Aufgabe, so da\u00df sich die Arbeit im Laufe der Jahre verlagerte. Eine der Hauptaufgaben ist es nun, den Opfern des Krieges hier in Deutschland behilfich zu sein. Wir bieten \u00f6ffentliche Beratungen in den R\u00e4umen der Caritas an, laden ReferentInnenzubestimmten Fragestellungen wie ArbeitsSozial- und Ausl\u00e4nderrechten. Dar\u00fcberhinaus organisiert die Initiative in Zusammenarbeit mit dem Caritasverband Solingen Hilfstransporte f\u00fcr Fl\u00fcchtlinge und Vertriebene im ehemaligen Jugoslawien. Wir unterst\u00fctzen in drei L\u00e4ndern des ehemaligen Jugoslawien, die v\u00f6lkerrechtlich anerkannt worden sind, jeweils ein Projekt. Dabei beziehen wir Positionen f\u00fcr die Opfer und nicht f\u00fcr die Politik des jeweiligen Landes.<\/p>\n<p><em><strong>tacheles: Was sind das f\u00fcr Projekte?<\/strong><\/em><\/p>\n<p>In Serbien unterst\u00fctzen wir ein Projekt, das vergwaltigten Frauen, gleich welcher Nationalt\u00e4t, Hilfe anbietet. Diese Arbeit wird finanziell unterst\u00fctzt. Einen Teil der gesammelten Hilfsg\u00fctergeht an Gorns Vakufin Bosnien, um dort der teils muslimischen, teils kroatischen Bev\u00f6lke rung beim gemeinsamen Aufbau der Stadt behilflich zu sein. Die andere H\u00e4lfte der G\u00fcter wird in die Region Karlovac (Kroatien gebracht.<\/p>\n<p><em><strong>tacheles: Wieviele Mitglieder hat die Initiative?<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Etwa 20 Personen sind aktive Mitglieder wobei bei Bedarf ein wesentlich gr\u00f6\u00dferer Personenkreis ansprechbar ist, der sich zu einem sehr gro\u00dfen Teil auch aus Menschen aus dem ehemaligen Jugoslawien zusammensetzt<\/p>\n<p><em><strong>tacheles: Welche Nationalit\u00e4ten betreut Ihr?<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Unsere Arbeit ist nicht auf bestimmte Nationalt\u00e4ten beschr\u00e4nkt. Es wird immer wieder, gerade durch die Darstellung in den Medien vergessen, da\u00df mehr als drei Nationalit\u00e4ten von dem Krieg betroffen sind. Wir setzen uns f\u00fcr die Opfer des Krieges auf dem Balkan ein.<\/p>\n<p><em><strong>tacheles: Welche Erfahrungen habt Ihr mit den MitarbeiterInnen des Ausl\u00e4nder- und Sozialamtes gemacht?<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Das Verhalten der SachbearbeiterInnen dieser \u00c4mter ist sehr unterschiedlich. Es gibt nette und hilfsbereite MitabeiterInnen aber auch sehr unangenehme, die recht wenig Verst\u00e4ndnis f\u00fcr die vom Krieg betroffenen Menschen aufbringen. Es gibt F\u00e4lle, da werden die KlientInnen weder gegr\u00fc\u00dft noch wird Ihnen ein Stuhl angeboten. Teilweise wird sehr unh\u00f6flich diskutiert oder sogar die T\u00fcr gewiesen. Manchmal \u00e4hneln die Methoden und Fragen der Sachbearbeiterinnen denen der Polizei. Es ist vorgekommen, da\u00df der Pa\u00df einer \u00dcbersetzerin fotokopiert wurde, um hinterher feststellen zu k\u00f6nnen, wer nun \u00fcber den speziellen Fall Bescheid wei\u00df. Teilweise merkt man den MitarbeiterInnen aber auch an, da\u00df sie angesichts der geschilderten Erlebnisse M\u00fche haben, ihre Fassung zu bewahren.<\/p>\n<p><em><strong>tacheles: K\u00f6nnt Ihr uns konkrete F\u00e4lle schildern?<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Ein Mitarbeiter des Sozialamtes dr\u00e4ngte einen Fl\u00fcchtling, der eine Hirnoperation hinter sich hatte den obligatorischen Deutschkurs zu absolvieren, obwohl dieser Mann kaum noch der egenen Sprache m\u00e4chtig war. Er scheute sich nicht einmal mit dem Entzug der Sozialhilfe zu drohen. Von solchen Schwierigkeiten sind vor allem die in Heimen wohnenden Fl\u00fcchtlinge betroffen. Menschen, die privat untergebracht sind scheinen von solchen Problemen ausgenommen zu sein.<\/p>\n<p><em><strong>tacheles: Wie lange werden die Fl\u00fcchtlinge geduldet?<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Die meisten bosnischen Fl\u00fcchtlinge bekommen eine Duldung die bedeutet, da\u00df die drohende Abschiebung f\u00fcr den Zeitraum eben dieser Duldungausgesetztwird. Die Duldungdauertinder Regel sechs Monate, aber nur unter der Voraussetzung, da\u00df ein bosnischer Pa\u00df vorgelegt wird, ansonsten wird die Duldung wochen- oder monatsweise ausgesprochen. Der Pa\u00df ist zudem sehr teuer, er kostet ca. DM400 pro Person und diese Kosten werden nicht immer vom Sozialamt\u00fcbernommen. Da sich nicht jeder Fl\u00fcchtling mit dem hinter diesem Pa\u00df stehenden Staat identifizieren kann, besitzen einige Fl\u00fcchtlinge diese Papiere nicht.<\/p>\n<p><em><strong>tacheles: Warum verlangen die deutschen Be\u00f6rden die Vorlage des bosnischen Pa\u00df?<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Es geht wahrscheinlich darum, ganz klar festzustellen, wer Serbe\/in, Kroate\/in etc ist. Also zu kl\u00e4ren, wer \u00fcberhaupt ein Anrecht hat hier zu sein.<\/p>\n<p><strong><em>tacheles: Erhalten die Fl\u00fcchtlinge Gutscheine?<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Normalerweise gibt es keine Gutscheine mehr. Wenn dem\/der Sachbearbeitern allerdings irgendetwas suspekt erscheint, so liegt die Ausgabe von Gutscheinen offensichtlich im Ermessen des\/der Mitarbeiter(s)\/in. In Einzelf\u00e4llen gelten die Gutscheine nur f\u00fcr die n\u00e4chsten zwei oder drei Tage, was sachlich nicht nachzuvollziehen ist, da die Duldung ja meist einen l\u00e4ngeren Zeitaum beinhaltet.<\/p>\n<p><em><strong>tacheles: Wie beurteilt Ihr die Situation der Fl\u00fcchtlingsheime?<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Die Zust\u00e4nde in den Heimen sind sehr unterschiedlich. Die Heime auf der Hoch- und Freigrathstra\u00dfe sind sehr gepflegt. Das Heim auf der Haanerstra\u00dfe dagegen ist viel zu klein und feucht. Auf der Nippesstra\u00dfe waren die Zust\u00e4nde vor einem Jahr katastrophal. Zehn Familien haben sich dort eine K\u00fcche geteilt.<\/p>\n<p><em><strong>tacheles. Die Bundesregierung hat geplant, die Duldung auslaufen zu lassen. Die ersten Fl\u00fcchinge sollen im Juli abgeschoben werden, und zwar der Personenkreis, der keine eigenen Kinder hier hat. Wie steht Ihr dazu?<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Es ist notwendig, da\u00df die Orte, in die abgeschoben wird, genau unter die Lupe genommen werden. Auch Alleinstehende k\u00f6nnen nicht ohne weiteres abgeschoben werden. Die Kriegserlebnisse sind zum Teil so hart, da\u00df die Fl\u00fcchtlinge zumindest nicht ohne Begleitung und Hilfe zur\u00fcck wollen. Ein Fl\u00fcchtling mit Kriegstrauma teilte uns mit, wenn er zur\u00fcck m\u00fcsse, werde er sich erschiessen. Zu bedenken ist au\u00dferdem, da\u00df die H\u00e4lfte der derzeitigen Einwohnerinnen Bosnien-Herzegowinas Fl\u00fcchtlinge im eigenen Lande sind.<\/p>\n<p><em><strong>tacheles: Wie geht ihr mit dieser Situation um?<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Wir versuchen, die Fl\u00fcchtlinge nicht mit ihrer Angst alleine zu lassen, wir begleiten sie durch Gespr\u00e4che und versuchen Informationen \u00fcber die Situation in den Heimatgebieten zu bekommen. Bei sehr traumatisierten Personen ziehen wir einen hier selbst als Fl\u00fcchtling lebenden Neuropsychotherapeuten hinzu. Obwohl deutsche SozialarbeiterInnen mit den genannten Problemen besonders sprachlich, v\u00f6llig \u00fcberfordert sind, wird diesem Neuropsychotherapeuten keine Arbeit in seinem Bereich erm\u00f6glicht.<\/p>\n<p><em><strong>tacheles: Sind momentan schon Abschiebungen erfolgt?<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Ja, nach Kroatien sind Abschiebungen erfolgt, da Kroatien als sicheres Drittland gilt. Desweiteren sind nicht nur BosnierInnen von Abschiebungen bedroht, sondern vor allem Menschen aus dem Kosovo und die Romafl\u00fcchtlinge. In den Medien wird die Lage dieser auch auf dem Balkan ebenden Menschengruppen stark vernachl\u00e4ssigt.<\/p>\n<p><em><strong>tacheles: Welche Forderungen habt Ihr an die Solinger Kommunalpolitik?<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Wir fordern die Stadt auf, da\u00df sie bez\u00fcglich der R\u00fcckf\u00fchrung, genau hinschaut, wer zur\u00fcck geschickt werden kann und wer nicht. Desweiteren w\u00fcnschen wir uns f\u00fcr die MitarbeiterInnen der Beh\u00f6rden eine gezielte Schulung, damit diese den oftmals sehr schwierigen Situationen besser gewachsen sind.<\/p>\n<p><b>R\u00fcbe, Krabat und Lillebror<\/b><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eDeutsche Beitr\u00e4ge\u201c zum friedlichen Zusammenleben aller Menschen auf der Welt ver\u00e4nden sich mit rasanter Geschwindigkeit in die Richtung der offen milit\u00e4risch gef\u00fchrten Konfliktl\u00f6sung und weg von humanit\u00e4ren Hilfen.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[191],"tags":[45,7,210,46,5,70],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/tacheles-solingen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/738"}],"collection":[{"href":"https:\/\/tacheles-solingen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/tacheles-solingen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/tacheles-solingen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/tacheles-solingen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=738"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/tacheles-solingen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/738\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":740,"href":"https:\/\/tacheles-solingen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/738\/revisions\/740"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/tacheles-solingen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=738"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/tacheles-solingen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=738"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/tacheles-solingen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=738"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}