{"id":694,"date":"2016-07-04T14:10:17","date_gmt":"2016-07-04T14:10:17","guid":{"rendered":"http:\/\/tacheles-solingen.de\/?p=694"},"modified":"2016-07-04T14:10:17","modified_gmt":"2016-07-04T14:10:17","slug":"interview-mit-richard-david-precht-ueber-tierrechte-und-die-grenzen-des-menschen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/tacheles-solingen.de\/?p=694","title":{"rendered":"Interview mit Richard David Precht \u00fcber Tierrechte und die Grenzen des Menschen"},"content":{"rendered":"<table border=\"\" width=\"100%\" bgcolor=\"#CCCCCC\">\n<tbody>\n<tr>\n<td><span style=\"font-family: Verdana,Arial,Helvetica;\">Richard David Precht promovierte \u00fcber Robert Musil, lebt als Essayist und Journalist in K\u00f6ln und besch\u00e4ftigt sich seit er zur\u00fcckdenken kann mit Tieren. Sein Ende 1997 im Rotbuch Verlag erschienenes Buch \u201dNoahs Erben &#8211; vom Recht der Tiere und den Grenzen des Menschen\u201d ist eine umfassende Kritik bisheriger Auffassungen \u00fcber das Verh\u00e4ltnis Mensch &#8211; Tier &#8211; Natur.<\/span><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p><!--more--><\/p>\n<p><em><strong><span style=\"font-family: Verdana,Arial,Helvetica;\">Angesicht des k\u00e4lter gewordenen sozialen Klima in dieser Gesellschaft finde ich Ihr Pl\u00e4doyer f\u00fcr die Rechte der Tiere ziemlich mutig. Interessiert sich da heutzutage \u00fcberhaupt noch jemand f\u00fcr?<\/span><\/strong><\/em><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Verdana,Arial,Helvetica;\">Die gro\u00dfen Probleme der Gesellschaft sind seit Menschengedenken immer dieselben. Wem geh\u00f6rt was und weshalb, wem geht\u2019s gut und wer f\u00e4llt durch die Maschen. Dabei l\u00e4\u00dft sich etwas sehr Interessantes beobachten: Die Relevanz der jeweiligen Probleme &#8211; Arbeitslosigkeit, Hunger in der Welt, sozialer Ausgleich, \u00f6kologisches Desaster, Krieg und Frieden etc. ist nicht so sehr eine Frage danach, was objektiv das \u201dWichtigste\u201d ist, sondern ebenso eine Frage der Mode. Als die Studenten 68 auf die Stra\u00dfe gingen, k\u00e4mpften sie f\u00fcr Ziele wie den Frieden in der Welt und f\u00fcr den sozialen Ausgleich zwischen der Ersten und der Dritten Welt. Nichts davon ist heute verwirklicht. Im Gegenteil ist die Lage heute trostloser denn je, und trotzdem ist die Diskussion heute in Mitteleuropa und Nordamerika schlichtweg out &#8211; Schnee von gestern. Etwas \u00e4hnliches passiert im Augenblick mit der \u00f6kologischen Sensibilit\u00e4t der 80er Jahre. Sicher, die Leute sortieren heute ihren M\u00fcll, so wie wir heute als Konsequenz von 68 keine Talare mehr in der Uni haben und daf\u00fcr Pornofilme im Regal, aber der Schwung ist raus. Dabei ist die \u00f6kologische Lage des Planeten katastrophaler denn je. Jahr um Jahr werden f\u00fcnf Prozent der Landfl\u00e4che Opfer der Flammen. Gerade mal 6 Prozent sind heute noch mit tropischen W\u00e4ldern bedeckt. Trotzdem erleben fast alle gro\u00dfen Naturschutzorganisationen Spendenr\u00fcckg\u00e4nge, und \u00d6kologie ist kaum noch ein Wahlkampfthema. Man mu\u00df damit leben, da\u00df sich der Akzent modisch verschiebt, und viele Leute heute anderes im Sinn haben, als ein neues Naturverst\u00e4ndnis. Andererseits gibt es in allen gro\u00dfen Menschheitsfragen auch einen Grund zum Optimismus. Wie bei jeder anderen Mode auch: es kommt alles wieder, und zwar in immer kleineren Abst\u00e4nden.<\/span><\/p>\n<p><strong><em><span style=\"font-family: Verdana,Arial,Helvetica;\">Sie sehen in der Bewegung gegen Massentierhaltung, Tierversuche, Gentechnik und Fleischkonsum Parallelen zur rebellischen 68\u2018er Generation.<\/span><\/em><\/strong><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Verdana,Arial,Helvetica;\">Da gibt es viele Parallelen. Wohlstandskinder engagieren sich mit Spa\u00df am Aktionismus gegen das herrschende Moralverst\u00e4ndnis der Gesellschaft und fordern: Schlu\u00df mit der Doppelmoral und der Verdr\u00e4ngungskultur! Wir wollen, da\u00df die Gesellschaft sich weiterentwickelt und ethisch \u201dbesser\u201d wird! Und wie bei den 68ern, so stellt sich auch bei den Kindern von Peter Singer und McDonalds die Gretchenfrage: Wie halten wir\u2019s mit der Gewalt. In den USA und in England gibt es autonome Tierrechtler die systematisch Terroranschl\u00e4ge durchf\u00fchren. Die gro\u00dfen deutschen Tierrechtsinitiativen wie animal peace, lehnen Gewalt ab. Aber auch bei uns kommt es immer wieder zu Anschl\u00e4gen auf Metzgereien oder Pelztierfarmen.<\/span><\/p>\n<p><strong><i><span style=\"font-family: Verdana,Arial,Helvetica;\">Die Forderung das Verh\u00e4ltnis Mensch-Tier-Natur neu zu bewerten und eine dementsprechende Korrektur des vorherrschenden Weltbildes herbeizuf\u00fchren ist f\u00fcr Sie auch eine Voraussetzung f\u00fcr die Befreiung der Menschen von Rassismus, Unterdr\u00fcckung und Ausbeutung?<\/span><\/i><\/strong><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Verdana,Arial,Helvetica;\">Die Entfremdung des Menschen von der Natur und damit auch jene vom Tier geht Hand in Hand mit religi\u00f6sen Daseinsbestimmungen und gesellschaftlichen Erkl\u00e4rungsmodellen. Je gewaltiger der Mensch \u00fcber etwas zu herrschen vermag, desto seelenloser erscheint ihm das Beherrschte. Die fehlende Sensibilit\u00e4t wiederum ist die Voraussetzung f\u00fcr die Entfaltung eines r\u00fccksichtslosen Machtsystems. Das schaukelt sich wechselseitig hoch, und ist gewi\u00df nicht einfach zu korrigieren. Denken Sie nur an die Sklaven- und die Frauenfrage. Es dauerte Jahrtausende, bis die Sklaverei in Mitteleuropa abgeschafft war und die Gleichberechtigung der Frau ist selbst bei uns noch immer nicht vollst\u00e4ndig erreicht. Die Frage nach der Natur und dem Umgang\u00a0 des Menschentieres mit anderen Tieren bewegt sich im gleichen Rahmen, der f\u00fcr alle Korrekturen der Macht gilt: Den anderen trotz unserer machtvollen \u00dcberlegenheit als anders zu achten, ihm das Recht zuzugestehen, in seiner Andersheit gl\u00fccklich zu leben, ist die Herausforderung auch in der Tierethik.<\/span><\/p>\n<p><strong><i><span style=\"font-family: Verdana,Arial,Helvetica;\">Der Professor f\u00fcr Philosophie und Direktor des \u201dCentre for Human Bioethics\u201d in Melbourne, Peter Singer gilt als der \u201dMessias\u201d der Tierrechtsbewegung. Hat Singers Theorie nicht einen gef\u00e4hrlichen \u201dPferdefu\u00df\u201d, wenn er zum Beispiel das Leben eines gesunden Schweines im besten Schweinealter h\u00f6her bewertet, als das eines Kleinkindes oder Schwerstbehinderten?<\/span><\/i><\/strong><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Verdana,Arial,Helvetica;\">Es gibt viele Punkte, in denen ich mich von Singer unterscheide. Singers Ansatzpunkt ist das Gleichheitsprinzip allen leidensf\u00e4higen Lebens. Ich hingegen gehe von der Verschiedenheit allen Lebens aus, von Art zu Art und von Gattung zu Gattung. Das h\u00f6rt sich vielleicht etwas haarspalterisch an, f\u00fchrt aber zu wichtigen Unterschieden der Argumentation und der Schlu\u00dffolgerungen. Und noch ein zweiter Punkt ist sehr wichtig: Singer unterschl\u00e4gt den Artegoismus. Jedes h\u00f6herentwickelte Tier hat ein Interesse am Fortbestand seiner Art, bzw. an seinem individuellen Reproduktionserfolg. Das gilt nat\u00fcrlich auch f\u00fcr den Menschen. Man kann das nicht einfach wegk\u00fcrzen und sagen, da\u00df ist b\u00f6ser \u201dSpeziesismus\u201d. Was wir jedem Tier zugestehen, sollten wir auch dem Menschen zugestehen: die Angeh\u00f6rigen seiner Art (und hier vor allem, diejenigen, die ihm emotional nahestehen) anderen Spezies vorzuziehen und im Entscheidungsfall lieber den S\u00e4ugling als einen Hund aus dem brennenden Haus zu retten.<\/span><\/p>\n<p><strong><i><span style=\"font-family: Verdana,Arial,Helvetica;\">Mein erstes gelesenes Buch, zu dem Thema der Menschwerdung aus dem Tierreich heraus, war Friedrich Engels Schrift \u201dDer Anteil der Arbeit an der Menschwerdung des Affen\u201d. Dies hat mein historisch-materialistisches Weltbild gepr\u00e4gt. Nebenbei gesagt, haben wir damals den Titel auf die Kurzformel vereinfacht: \u201dDer Affe auf dem Weg zur Arbeit\u201d. Welchen Titel finden Sie symphatischer? Und welchen Stellenwert r\u00e4umen Sie dem Gebrauch von Werkzeugen, der Beherrschung des Feuers, der Jagd und allgemein der Arbeit, bei der Herausbildung des menschlichen Gehirns ein?<\/span><\/i><\/strong><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Verdana,Arial,Helvetica;\">Der Begriff der Arbeit ist nicht festgeschrieben. Er wird in verschiedenen Zeiten und Kulturen sehr verschieden gedeutet und hat auch einen anderen Stellenwert. Die Ureinwohner Indonesiens zum Beispiel glaubten, da\u00df die Orang-Utans \u201dWaldmenschen\u201d seien, die aus weiser Einsicht auf den Gebrauch der Sprache verzichteten um nicht arbeiten zu m\u00fcssen. Versuchen Sie einmal mit Engels Begriff der \u201dArbeit\u201d hier etwas anzufangen!<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Verdana,Arial,Helvetica;\">Was die \u201dMenschwerdung\u201d anbelangt, so wei\u00df heute kein Wissenschaftler zu sagen, wo sie eigentlich anf\u00e4ngt. Beim Australopithecus, der als erster den aufrechten Gang w\u00e4hlte, beim Homo erectus, der die ersten Steine zurechtklopfte, oder erst beim Homo sapiens, dem geschickten Werkzeugmacher und Gro\u00dfwildj\u00e4ger. Alles drei sind v\u00f6llig verschiedene \u201dArten\u201d, die ausgesprochen lose miteinander verwandt sind.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Verdana,Arial,Helvetica;\">Im \u00fcbrigen gehen heute fast alle bedeutenden Pal\u00e4oanthropologen davon aus, da\u00df das Sozialverhalten der wichtigste Motor der menschlichen Evolution ist. Die damit zusammenh\u00e4ngenden F\u00e4higkeiten verbrauchen \u00fcbrigens auch die meiste Speicherfl\u00e4che im Gehirn. Doch weder das Sozialverhalten, noch eines der anderen wundersch\u00f6nen Kriterien, die sich Menschen ausgedacht haben, um ihre Sonderstellung zu rechtfertigen, reicht wirklich hin, im Menschen etwas v\u00f6llig Au\u00dfergew\u00f6hnliches zu sehen: weder die Arbeit, noch der Gebrauch von Werkzeugen, die sogenannte \u201dVernunft\u201d, die Willens- und Entscheidungsfreiheit oder die Sprache. Entweder Sie finden manches davon auch im Tierreich &#8211; Schimpansen die Werkzeuge gebrauchen, Wale, die eine hoch komplexe Sprache besitzen etc. &#8211; oder aber sie finden es nicht bei allen Menschen. Denken Sie an die von ihnen angesprochenen S\u00e4uglinge und Schwerst-behinderten. Es gibt kein Kriterium, das alle Menschen von allen Tieren unterscheidet.<\/span><\/p>\n<p><strong><i><span style=\"font-family: Verdana,Arial,Helvetica;\">Was bedeutet das alles f\u00fcr die Praxis? D\u00fcrfen wir Tiere nicht mehr essen, weil wir uns von ihnen nicht klar unterscheiden? Doch ohne fleischliche Ern\u00e4hrung k\u00f6nnten zum Beispiel Eskimos nicht leben. Sie schreiben ja auch, da\u00df das Z\u00fcchten, T\u00f6ten und Fressen von Tieren eine historische Notwendigkeit war f\u00fcr die Existenz unserer heutigen menschlichen Kultur und Zivilisation. Warum sollte dies heute anders sein?<\/span><\/i><\/strong><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Verdana,Arial,Helvetica;\">In der Arktis oder in W\u00fcstengebieten kann man kein Vegetarier sein. In Westeuropa hingegen mu\u00df niemand heute noch Fleisch essen, um gesund zu leben. Jeder Arzt kann dies best\u00e4tigen. Wir f\u00fcgen Tieren millionenfaches Leid zu, nur f\u00fcr Gaumenfreuden. Da ist es immer gut zu wissen, da\u00df die Grenze von Mensch und Tier in der bestehenden Form Unsinn ist. Denken Sie nur an den sch\u00f6nen Vers von Franz Josef Degenhardt: \u201dMan verzehrte Artgenossen, selbst das liebenswerte Schwein \/ Doch die aufrecht gehen konnten, fra\u00df man nicht &#8211; man grub sie ein!\u201d<\/span><\/p>\n<p><strong><i><span style=\"font-family: Verdana,Arial,Helvetica;\">Bei Diskussionen \u00fcber Ihr Buch melden sich nicht nur, \u00fcber den Vorwurf der \u201dLustt\u00f6tung\u201d emp\u00f6rte J\u00e4ger zu Wort, sondern auch Menschen, die eine \u201dReduzierung der menschlichen Rasse\u201d einfordern. Sind Tierrechtler und &#8211; Sch\u00fctzer besonders empf\u00e4nglich f\u00fcr sozialdarwinistische Ideen?<\/span><\/i><\/strong><b><i><\/i><\/b><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Verdana,Arial,Helvetica;\">Wo es um Ethik geht, tummeln sich viele Spinner. Das ist \u00fcberall so, und nat\u00fcrlich gibt es auch im Umfeld von Tierrechtsbewegungen den einen oder anderen Idioten. Selbstverst\u00e4ndlich ist die Bev\u00f6lkerungsexplosion ein gewaltiges \u00f6kologisches und soziales Problem, nicht nur f\u00fcr Tierrechtler. Aber kein Tierrechtler, den ich kenne, forderte eine gewaltsame Reduzierung der Menschen. Die Idee besteht ja darin, alles leidensf\u00e4hige Leben zu achten und damit selbstverst\u00e4ndlich auch das des Menschen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Verdana,Arial,Helvetica;\">H.O.Bones<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Richard David Precht promovierte \u00fcber Robert Musil, lebt als Essayist und Journalist in K\u00f6ln und besch\u00e4ftigt sich seit er zur\u00fcckdenken kann mit Tieren. Sein Ende 1997 im Rotbuch Verlag erschienenes Buch \u201dNoahs Erben &#8211; vom Recht der Tiere und den &hellip; <a href=\"https:\/\/tacheles-solingen.de\/?p=694\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[153],"tags":[188,190,189],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/tacheles-solingen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/694"}],"collection":[{"href":"https:\/\/tacheles-solingen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/tacheles-solingen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/tacheles-solingen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/tacheles-solingen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=694"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/tacheles-solingen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/694\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":695,"href":"https:\/\/tacheles-solingen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/694\/revisions\/695"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/tacheles-solingen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=694"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/tacheles-solingen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=694"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/tacheles-solingen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=694"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}