{"id":594,"date":"2016-06-26T14:37:02","date_gmt":"2016-06-26T14:37:02","guid":{"rendered":"http:\/\/tacheles-solingen.de\/?p=594"},"modified":"2016-06-26T14:38:03","modified_gmt":"2016-06-26T14:38:03","slug":"die-modernisierung-der-stadt-ein-abrissprogramm","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/tacheles-solingen.de\/?p=594","title":{"rendered":"Die Modernisierung der Stadt &#8211; Ein Abri\u00dfprogramm"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"font-family: Verdana,Arial,Helvetica;\">Die Mi\u00dfachtung der eigenen Geschichte und der eigenen M\u00f6glichkeiten der Stadt ist eines der strukturierenden Momente der neoliberalen Ver\u00e4nderung der Stadt Solingen. <\/span><!--more--><span style=\"font-family: Verdana,Arial,Helvetica;\">Was im M\u00fchlenhof-Projekt seinen H\u00f6hepunkt erreicht, hat doch eine lange Entwicklung:<\/span><br \/>\n<span style=\"font-family: Verdana,Arial,Helvetica;\">Die Verachtung der Hervorbringungen der Menschen, die hier gelebt haben dr\u00fcckte sich schon im Umgang der Stadt in den 70ern und 80ern mit den Resten der Fachwerkhauskultur aus. Diese \u201dHucken\u201d wurden in einer beispiellosen Abri\u00dfpolitik in Bauschutt verwandelt, f\u00fcr Stra\u00dfenverbreiterung-en, Stra\u00dfenneu-bauten, \u201dSanierungen\u201d, Verk\u00e4ufe oder einfach weil man sie so lange mit offenen Dachfenstern hatte verfallen lassen, bis die Abri\u00dfnotwendigkeit scheinbar unabweisbar wurde. Dabei wurde nicht nur die ehemalige Schirmfabrik aus dem Jahre 1829 an der Altenhofer Str. mit einer der ersten Dampf-maschinenproduktionen in Deutschland dem Erdboden gleichgemacht. Das Ausma\u00df der Abrisse entsprang einem Denken, das mit den alten als beengend empfundenen Lebensverh\u00e4ltnissen ein f\u00fcr alle mal aufr\u00e4umen wollte.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Verdana,Arial,Helvetica;\">Beim M\u00fchlenhof-Projekt wird es am deutlichsten. Eine Stadtplanung, die sich vorrangig dem Ziel verschreibt, Investoren von ausserhalb in die Stadt zu locken, nimmt nat\u00fcrlich keine R\u00fccksicht auf die Interessen derjenigen, die diesen Platz als Kommu-nikationsort ohne Konsumzwang nutzen. Im Gegenteil, Obdachlose, schachspielende Rentner, streetballspielende Jugendliche, taubenf\u00fctternde alte Menschen und Junks st\u00f6ren das urbane Lebensgef\u00fchl in den gew\u00fcnschten inszenierten Konsumwelten.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Verdana,Arial,Helvetica;\">Doch nicht nur die Armen, auch die vorhandenen Einzelh\u00e4ndler sind in der sch\u00f6nen neuen Glitzerwelt keineswegs eingeplant: Die \u201dneue Mitte Solingens\u201d schickt sich an, auch die Gesch\u00e4ftswelt neu zu ordnen: Ca. 14 000 m\u00b2 neuer Gesch\u00e4ftsfl\u00e4che im Solinger Stadtzentrum werden wohl kaum von neuen KundInnen genutzt werden, hier wird ein strammer Verdr\u00e4ngungswettbewerb einsetzen: Das Multiplexkino der Flebbe-Kinokette wird absehbar dem M\u00fchlenhof- und dem Residenzkino den Garaus machen, der geplante Bestseller-B\u00fcchermarkt in den Clemens-Galerien wird dem vorhandenen Solinger Buchhandel Umsatzeinbu\u00dfen verschaffen. Herr Doerr, der Vertreter des Investors der Clemens-Galerien erkl\u00e4rte, da\u00df die Anfragen f\u00fcr Gesch\u00e4ftsr\u00e4ume etwa zur H\u00e4lfte von bundesweit t\u00e4tigen Filialisten kommen, w\u00e4hrend die andere H\u00e4lfte Einzelh\u00e4ndler aus Solingen und Umgebung sind. Diejenigen Einzelh\u00e4ndler, die es nicht schaffen, sich ein St\u00fcck vom Glitzerpalast zu teuren Neubaumieten zu sichern, werden k\u00fcnftig noch mehr abgeschlagen sein: So auf der Unteren Hauptstra\u00dfe, dem Graf-Wilhelm-Platz &#8230; Gewinner dieser Planung sind in jedem Fall bundes- und weltweite Gro\u00dfkonzerne, die kein Interesse an selbstst\u00e4ndigen Entscheidungen vor Ort haben.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Verdana,Arial,Helvetica;\">Auch die Entscheidung, f\u00fcr den OBI-Konzern, der am Mangenberg einen Gro\u00df-Baumarkt mit 16 000 m\u00b2 Verkaufsf\u00e4che errichten will, knappes Gewerbe- und Industriegebiet in Fl\u00e4chen f\u00fcr den Einzelhandel umzuwandeln, wirft ein bezeichnendes Licht auf die Planungspolitik der Verantwortlichen: Gegen den erbitterten Protest der zusammengeschlossenen BetreiberInnen vorhandener Handwerksbedarfgesch\u00e4fte und Baum\u00e4rkte wird so die Verkaufsfl\u00e4che des Baumarktsektors auf das Doppelte des bundesweiten Durchschnitts gebracht. Pleiten der Kleineren sind hier von vornherein mit eingeplant. Der Solinger Einzelhandelsverband spielt bei beiden Projekten \u00fcbrigens eine unr\u00fchmliche Rolle. Die entscheidenden Verteter scheinen voll eingebunden in den Konsens der Modernisierer.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Verdana,Arial,Helvetica;\">Das Programm zur Modernisierung der Stadt = Zurichtung auf die Bed\u00fcrfnisse der Gro\u00dfkonzerne kann nicht viel mit kommunaler Demokratie anfangen, spielen dort die Interessen der Menschen vor Ort doch noch eine zu gro\u00dfe Rolle. Also werden demokratische Hindernisse abgebaut, die Planungen der Unternehmen sollen nicht von zuviel politischem Einflu\u00df und B\u00fcrgerbeteiligung gest\u00f6rt werden. So ist geplant, die st\u00e4dtischen Gewerbefl\u00e4chen an eine Wirtschaftsf\u00f6rderungs-GmbH zu \u00fcbertragen, in der die Verteter der gro\u00dfen Wirtschaftsverb\u00e4nde die entscheidende Stimme haben.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Verdana,Arial,Helvetica;\">Auch die Bezirksvertretungen, die als vor Ort tagende Gremien noch einen etwas st\u00e4rkeren Kontakt zur Bev\u00f6lkerung haben, sollen umstrukturiert werden. Die Aufl\u00f6sung von Burg und Merscheid und die Umverteilung zu einwohnerm\u00e4\u00dfig etwa gleich gro\u00dfen BVs mi\u00dfachtet unter dem Vorwand der Geldeinsparung und der Vereinfachung f\u00fcr die Verwaltung bewu\u00dft die vorhandenen Strukturen. Solingen ist eine Stadt, in der das Stadtteildenken st\u00e4rker als in vielen vergleichbaren St\u00e4dten ausgepr\u00e4gt ist. Dies f\u00fchrt einerseits zum Gedeihen der konservativ-b\u00fcrgerlich strukturierten Heimatvereine, zugleich\u00a0 schafft es aber auch ein Gef\u00fchl der Teilhaberschaft und der Verantwortlichkeit der Umgebung gegen\u00fcber.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Verdana,Arial,Helvetica;\">Was kommt beim Modernisierungsprogramm heraus? Eine stromlinienf\u00f6rmige Stadt, die versucht, den neoliberalen Zug auf keinen Fall zu verpassen. Daf\u00fcr w\u00fcrde sie sich gerne den gro\u00dfen Konzernen verkaufen, wenn die denn k\u00e4men.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Verdana,Arial,Helvetica;\">Doch stattdessen kommt vorerst einmal Mc Donalds: Nicht nur ein Mc Drive am Frankfurter Damm, auch einer am heimlichen Solinger Hauptbahnhof Ohligs. Bringt das Arbeitspl\u00e4tze? Kommt irgendein Mensch zus\u00e4tzlich in die Stadt Solingen, um im Solinger Mc Drive zu konsumieren?<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Verdana,Arial,Helvetica;\">Die Kaufkraft wird doch wohl bei der vorhandenen Pommesbuden-, Pizza- und t\u00fcrkischen Imbi\u00dfkultur abgezogen.<\/span><br \/>\n<span style=\"font-family: Verdana,Arial,Helvetica;\">Diese Geschichte k\u00f6nnte noch in vielen Varianten erz\u00e4hlt werden, es kommt darauf an, sie zu ver\u00e4ndern!<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Verdana,Arial,Helvetica;\">Dietmar Gaida<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Mi\u00dfachtung der eigenen Geschichte und der eigenen M\u00f6glichkeiten der Stadt ist eines der strukturierenden Momente der neoliberalen Ver\u00e4nderung der Stadt Solingen.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[123],"tags":[129,73,5,10],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/tacheles-solingen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/594"}],"collection":[{"href":"https:\/\/tacheles-solingen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/tacheles-solingen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/tacheles-solingen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/tacheles-solingen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=594"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/tacheles-solingen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/594\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":596,"href":"https:\/\/tacheles-solingen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/594\/revisions\/596"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/tacheles-solingen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=594"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/tacheles-solingen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=594"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/tacheles-solingen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=594"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}