{"id":539,"date":"2016-06-23T08:32:16","date_gmt":"2016-06-23T08:32:16","guid":{"rendered":"http:\/\/tacheles-solingen.de\/?p=539"},"modified":"2016-06-23T08:32:16","modified_gmt":"2016-06-23T08:32:16","slug":"direkte-demokratie-nur-eine-utopie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/tacheles-solingen.de\/?p=539","title":{"rendered":"Direkte Demokratie &#8211; nur eine Utopie?"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"font-family: Verdana,Arial,Helvetica;\">Am vermeintlichen \u201dEnde der Geschichte\u201d angelangt, wird uns eingefl\u00f6\u00dft, in unserer Zukunft k\u00f6nne nur noch die kapitalistische one world liegen. Utopien seien allesamt totalit\u00e4r oder zum Scheitern verurteilt, deshalb solle man Abschied nehmen von allem Nachdenken \u00fcber &#8222;tr\u00fcgerische Gl\u00fccksverhei\u00dfungen&#8220;.<\/span><!--more--><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Verdana,Arial,Helvetica;\">Doch es ist fraglich, ob wir auf lange Sicht so (\u00fcber)leben k\u00f6nnen: Mit dem sicheren Gef\u00fchl, da\u00df das Streben nach Profit der alleinige Motor menschlichen Lebens sein soll. Mit der Gewi\u00dfheit, da\u00df die Aufl\u00f6sung von sozialer Verantwortung, die Zunahme der Vereinzelung und das Voranschreiten des Ohnmachtsgef\u00fchls gegen\u00fcber den Ver\u00e4nderungen der Umgebung unab\u00e4nderlich ist.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Verdana,Arial,Helvetica;\">So kommt es, da\u00df das Thema Utopie trotz allem eine Renaissance erlebt. Das \u2018Nirgendland\u2019, wie Utopie im griechischen Wortursprung hei\u00dft, kann es nicht geben. Aber es veranla\u00dft immer wieder Menschen, dar\u00fcber nachzudenken wie es denn in einer gerechteren und gl\u00fccklicheren Gesellschaft aussehen k\u00f6nnte.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Verdana,Arial,Helvetica;\">Es gab in der Geschichte aber auch immer wieder kurze Lichtblicke, in denen die Menschen erfolgreich versuchten, ihr Joch ein st\u00fcckweit abzusch\u00fctteln, um ihre gelebte \u2018Utopie\u2019 zu verwirklichen. Die meisten dieser Gl\u00fccksf\u00e4lle einer ansonsten eher traurig stimmenden Vergangenheit sind fast vergessen. Die Selbstverwaltung der ArbeiterInnen und LandarbeiterInnen in Katalonien 1936\/37 ist vielleicht der bekannteste. Aber wer kennt schon Palmares, die im 17. Jahrhundert 94 Jahre im Nordosten Brasiliens bestehende Republik der der Sklaverei entflohenen Schwarzen? Und was passierte in Fatsa 1979\/1980?<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Verdana,Arial,Helvetica;\">Die Veranstaltungsreihe \u201dLand und Freiheit\u201d im Autonomen Zentrum Wuppertal will die verdr\u00e4ngten K\u00e4mpfe, Orte, wo Menschen schon mal \u2018was versucht haben, \u201dbefreite Zonen vor der Revolution\u201d geschaffen haben, in unser Bewu\u00dftsein rufen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Verdana,Arial,Helvetica;\">Am 15. 4. 1997 wurde hier der Versuch vorgestellt, direkte Demokratie in Fatsa, einem kleinen Ort an der t\u00fcrkischen Schwarzmeerk\u00fcste einzuf\u00fchren. Im gutgef\u00fcllten Saal des AZ waren &#8211; eher ungew\u00f6hnlich f\u00fcr die ansonsten doch sehr deutschen Autonomen &#8211; mehr BesucherInnen t\u00fcrkischer als deutscher Herkunft anwesend. Der Vortrag des Referenten, der die Ereignisse in Fatsa vor Ort miterlebt hatte wurde lebhaft diskutiert; Anwesende brachten ihre eigenen Erlebnisse und ihre abweichenden Einsch\u00e4tzungen ein. Die in Deutschland doch recht unbekannte Geschichte der t\u00fcrkischen Linken vor dem letzten Milit\u00e4rputsch 1980 wurde f\u00fcr einen Moment lebendig.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Verdana,Arial,Helvetica;\">Wie bei allen Versuchen in der j\u00fcngeren Geschichte, eine direkte Demokratie einzuf\u00fchren, lag auch 1979 in Fatsa eine besonders zugespitzte Situation der gesellschaftlichen Auseinandersetzung vor. Aus dem Ver-teidigungskampf der Bev\u00f6lkerung gegen faschistische \u00dcbergriffe in einer Zeit des unerkl\u00e4rten B\u00fcrgerkrieges entstanden Volks- oder Stadtteilkomitees, die neben der antifaschistischen Arbeit konkrete Hilfestellung im Alltagsleben organisierten.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Verdana,Arial,Helvetica;\">Der Aufbau der Komitees wurde von der Organisation Devrim\u00e7i Yol (Revolution\u00e4rer Weg) stark vorangetrieben. Diese war in der Organisationsstruktur und in der ideologischen Ausrichtung nicht so dogmatisch wie andere Gruppen der t\u00fcrkischen Linken: So gab es z. B. keine Kaderaufnahmeprozedur, sondern jeder\/jede, der\/die SympathisantIn war, konnte mitmachen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Verdana,Arial,Helvetica;\">An den Volkskomitees konnten alle EinwohnerInnen teilnehmen. Sie entwickelten sich zu einem wichtigen Selbstverwaltungsorgan der Bev\u00f6lkerung. W\u00e4hrend die linken t\u00fcrkischen Organisationen in anderen Teilen des Landes zum Wahlboykott aufriefen, forderte die Bev\u00f6lkerung von Fatsa die Devrim\u00e7i Yol zur Kandidatur auf: \u201eHier gibt es Kommunalwahlen, also macht doch was.\u201c Auf den von der Devrim\u00e7i Yol unterst\u00fctzten B\u00fcrgermeisterkandidaten Fikri S\u00f6nmez wurden zwei Mordanschl\u00e4ge ver\u00fcbt, die er \u00fcberlebte. Er erhielt im Oktober 1979 3064 Stimmen, w\u00e4hrend die beiden Kandidaten der Rechten und der Sozialdemokraten zusammen nur auf ca. 1900 Stimmen kamen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Verdana,Arial,Helvetica;\">Sofort wurden neben den offiziellen Strukturen Volkskomitees in jedem Stadtteil gebildet. Daf\u00fcr wurde die Anzahl der Bezirke von 7 auf 11 vergr\u00f6\u00dfert, um die Verankerung der Komitees in der unmittelbaren Wohnumgebung zu st\u00e4rken. Alle Entscheidungen wurden zuerst in den Volkskomitees von der Bev\u00f6lkerung diskutiert und gefa\u00dft, danach wurden die Entscheidungen vom Stadtrat nachvollzogen. Fatsa wurde zum Hoffnungstr\u00e4ger f\u00fcr die gesamte t\u00fcrkische Linke. Gro\u00dfe infrastrukturelle Probleme wurden angepackt. In 5\/6 Monaten wurden Dinge gel\u00f6st, die vorher 5\/6 Jahre brauchten: Die Elektrizit\u00e4tsversorgung, die Wasserversorgung und der Stra\u00dfenbau wurde erheblich verbessert, weil die Bev\u00f6lkerung sich an den \u00f6ffentlichen Arbeiten beteiligte. Der Schwarzmarkt, der von korrupten Abgeordneten beliefert wurde, konnte ausgetrocknet werden. Die Volkskomitees beschlossen, die \u00dcberfischung des Meeres mit Schleppnetzen zu verbieten, um die Lebensgrundlagen der Fischer zu erhalten. Die Haselnu\u00dfbauern, ein wichtiger Erwerbszweig in Fatsa, konnten ihre Probleme l\u00f6sen, indem sie den Zwischenhandel selbst organisierten. Das gewachsene Selbstbewu\u00dftsein der Menschen f\u00fchrte dazu, da\u00df ein gro\u00dfes Problem der Jugendlichen gel\u00f6st wurde: Sie wehrten sich endlich gegen die vielen Lehrer, die die \u201ePr\u00fcgelstrafe\u201c praktizierten und konnten diese schlie\u00dflich erfolgreich daran hindern. An den Abstimmungen der Volkskomitees beteiligte sich etwa \u00bc der Bev\u00f6lkerung, betrachtet man den Anteil der Bev\u00f6lkerung, der\u00a0 Anteil\u00a0 an\u00a0 den\u00a0 Beschl\u00fcssen\u00a0 der repr\u00e4sentativen Demokratie nehmen kann, so ist dies eine au\u00dfergew\u00f6hnlich hohe Zahl.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Verdana,Arial,Helvetica;\">Frauen waren an den Volkskomitees stark beteiligt. Hier dr\u00fcckte sich auch der hohe Anteil an Arbeit aus, die die Frauen in der Stadt und als Landarbeiterinnen auch vorher schon bew\u00e4ltigten. Fatsa war ein Experiment, das in seiner Wirkung auch Devrim\u00e7i Yol \u00fcberraschte. Die Volkskomitees wurden die Orte einer basisdemokratischen Organisierung der Gesellschaft. Die klassische staatliche Exekutive verlor ihre bisherige Rolle. Die b\u00fcrgerliche Presse der T\u00fcrkei berichtete zun\u00e4chst negativ \u00fcber Fatsa, nach einem sehr erfolgreichen Kulturfest in Fatsa, das von vielen t\u00fcrkischen Kulturschaffenden mitorganisiert und besucht wurde, \u00e4nderte sich die Berichterstattung jedoch und wurde positiv.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Verdana,Arial,Helvetica;\">In diesem Moment wurde Fatsa zu einer wirklichen Bedrohung der M\u00e4chtigen und der Milit\u00e4rs in der T\u00fcrkei: Es bestand die Gefahr, da\u00df das Modell zahlreiche NachahmerInnen finden w\u00fcrde und die traditionelle Herrschaftsstruktur in der gesamten T\u00fcrkei in Frage gestellt w\u00fcrde. Jetzt wurde ein Angeh\u00f6riger der faschistischen MHP als Bezirksgouverneur berufen, der als erste Ma\u00dfnahme Idealistenvereine gr\u00fcndete (Stra\u00dfenclubs der faschistischen Grauen W\u00f6lfe). Innerhalb von 4 Monaten wurden 300 Menschen get\u00f6tet. Die \u201eStrategie der Spannung\u201c wurde st\u00e4ndig versch\u00e4rft. Schlie\u00dflich wurde eine Milit\u00e4roperation gegen Fatsa angek\u00fcndigt. Als der B\u00fcrgermeister f\u00fcr diesen Fall Widerstand ank\u00fcndigte, wurde dies zum Vorwand des Einmarsches in Fatsa genommen: Am 12. Juli 1980 wurde die Stadt vom Milit\u00e4r in Zusammenarbeit mit Schl\u00e4gertrupps der Grauen W\u00f6lfe besetzt, 300 Menschen wurden festgenommen, s\u00e4mtliche Lebensmittel in der Stadt zerst\u00f6rt. Der gew\u00e4hlte B\u00fcrgermeister wurde gefangengenommen und zu Tode gefoltert. Die BewohnerInnen leisteten keinen bewaffneten Widerstand, was angesichts des Vorgehens des Milit\u00e4rs wohl auch nur zu einem Blutbad unter der Bev\u00f6lkerung gef\u00fchrt h\u00e4tte. Der Einmarsch in Fatsa war ein Vorspiel f\u00fcr den wenige Monate sp\u00e4ter erfolgten Milit\u00e4rputsch in der T\u00fcrkei. eine mangelnde Bereitschaft anderer linker Organisationen in der T\u00fcrkei festgestellt, Fatsa zu unterst\u00fctzen. Diese hatten wohl ein wenig Angst, bei einer direktdemokratischen Organisationsform den Einflu\u00df \u00fcber ihre Mitglieder zu verlieren. Auch einzelne antidemokratische Menschen in der Organisation Devrim\u00e7i Yol haben dem Experiment geschadet. Ein weiterer Fehler war es, Fatsa nicht st\u00e4rker als Modell f\u00fcr die ganze T\u00fcrkei auszuweiten.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Verdana,Arial,Helvetica;\">Wenn Demokratie mehr sein soll, als die M\u00f6glichkeit eines Kreuzchens alle 4-5 Jahre und der Einsch\u00e4tzung \u201eDie da oben machen doch sowieso was sie wollen\u201c, dann k\u00f6nnen wir aus Fatsa jedenfalls eine Menge lernen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Verdana,Arial,Helvetica;\">Krabat<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Verdana,Arial,Helvetica;\">Die Veranstaltungsreihe &#8218;Land und Freiheit&#8216; im AZ Wuppertal, Wiesenstra\u00dfe 11, wird mit einer Veranstaltung zur Selbstorganisierung im Gesundheitswesen in Chiapas und Essen und einer Zukunftswerkstatt fortgesetzt.<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am vermeintlichen \u201dEnde der Geschichte\u201d angelangt, wird uns eingefl\u00f6\u00dft, in unserer Zukunft k\u00f6nne nur noch die kapitalistische one world liegen. Utopien seien allesamt totalit\u00e4r oder zum Scheitern verurteilt, deshalb solle man Abschied nehmen von allem Nachdenken \u00fcber &#8222;tr\u00fcgerische Gl\u00fccksverhei\u00dfungen&#8220;.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[84],"tags":[104,22,106,49,105],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/tacheles-solingen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/539"}],"collection":[{"href":"https:\/\/tacheles-solingen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/tacheles-solingen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/tacheles-solingen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/tacheles-solingen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=539"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/tacheles-solingen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/539\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":540,"href":"https:\/\/tacheles-solingen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/539\/revisions\/540"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/tacheles-solingen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=539"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/tacheles-solingen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=539"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/tacheles-solingen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=539"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}