{"id":1044,"date":"2017-03-21T15:26:50","date_gmt":"2017-03-21T15:26:50","guid":{"rendered":"http:\/\/tacheles-solingen.de\/?p=1044"},"modified":"2017-03-21T15:31:23","modified_gmt":"2017-03-21T15:31:23","slug":"interview-mit-dr-rolf-jessewitsch-direktor-des-kunstmuseums-solingen-und-des-zentrums-fuer-verfolgte-kuenste","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/tacheles-solingen.de\/?p=1044","title":{"rendered":"Interview mit Dr. Rolf Jessewitsch, Direktor des Kunstmuseums Solingen und des Zentrums f\u00fcr Verfolgte K\u00fcnste"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: left;\"><strong>Ist das Museum bekannter geworden durch die offizielle Er\u00f6ffnung des Zentrums f\u00fcr verfolgte K\u00fcnste vor einem Jahr? Wie wurde die Er\u00f6ffnung von der Presse aufgenommen?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><!--more-->Wir waren sehr erstaunt: Die Medien haben weltweit reagiert und dar\u00fcber geschrieben. Artikel sind sogar in Brasilien, Portugal, Italien und Belgien erschienen. In den Niederlanden berichtete die Volkskrant auf zwei Seiten. Die Deutsche Welle hat es ebenfalls weltweit gemeldet. Im letzten Jahr hat der Guardian das Zentrum als eines der zehn besten Neugr\u00fcndungen weltweit ausgew\u00e4hlt. In Deutschland wurde in allen \u00fcberregionalen und vielen regionalen Zeitungen berichtet. Der WDR-H\u00f6rfunk hat viel gebracht.<\/p>\n<p><strong>Wie hat sich die Besucherzahl entwickelt?<\/strong><br \/>\nSie hat sich verdoppelt.<\/p>\n<p><strong>Gibt es Auswirkungen des Zentrums auf das kulturelle Leben in Solingen?<\/strong><br \/>\nNoch nicht. Ich freue mich, dass mit dem vom Kulturausschuss beschlossenen Antrag zur Verst\u00e4rkung der Zusammenarbeit Solinger Schulen mit dem Zentrum f\u00fcr verfolgte K\u00fcnste die Stadt jetzt die Chancen erkennt, die sich hier bieten. Wir sind mit Schulen in Kontakt, aber diese haben wegen G8 wenig Ze<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">it. Die Lehrer sagen: \u201eWir haben zu wenig Zeit f\u00fcr das Thema Nationalsozialismus.\u201c<br \/>\nWir bilden keine Staatsb\u00fcrger aus, die Sch\u00fcler lernen oft nichts mehr \u00fcber die Nachkriegszeit. Das sind aber die Grundlagen des demokratischen Staates. Junge Menschen haben fast keine Ahnung davon, wie die Gesellschaft und der Staat funktioniert.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Das Zentrum hat noch zu wenig Wirkung. Uns geht es um Aufkl\u00e4rung. Das Unver\u00adst\u00e4ndnis junger Leute entsteht auch durch die \u00c4nderung der Kommunikation: Ganz schnelle aufeinanderfolgende Bilder \u2013 der Zusam\u00admen\u00adhang wird nicht mehr hergestellt. Die Zeitungen haben sich fr\u00fcher st\u00e4rker bem\u00fcht, Zusammenh\u00e4nge herzustellen. Heute gibt es m\u00f6glichst kurze Informationen.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><strong>Haben Sie Beispiele daf\u00fcr, mit welchen Ausstellungen\/ Veranstaltungen zu aktueller Verfolgung von Menschen und insbesondere auch der K\u00fcnste Stellung bezogen wird?<\/strong><br \/>\nIm Sommer [30.4. bis 3.9.] wird es eine Ausstellung \u201eSOS M\u00e9diterran\u00e9e\u201c geben. Es werden Zeichnungen gezeigt, die bei der Begleitung von Bootsfl\u00fcchtlingen entstanden sind. F\u00fcr den Herbst war eine Ausstellung zu verfolgter Kunst in der T\u00fcrkei geplant, die aufgrund der aktuellen Situation mit der Gef\u00e4hrdung von Kulturschaffenden nicht zustande kommt. Wir \u00fcberlegen stattdessen, eine Tagung zu diesem Thema durchzuf\u00fchren. Wir haben im letzten Jahr aus Anlass des 25. Jahrestages des Deutsch-polnischen Nach\u00adbar\u00ad\u00adschaftsvertrages eine vertragliche Zusam\u00admen\u00adarbeit mit einen polnischen Museum mit einer schriftlichen Verein\u00adbarung besiegelt.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><strong>Entwickelt sich das gesellschaftliche Klima r\u00fcckw\u00e4rts?<\/strong><br \/>\nWeil die Leute sich nur noch so oberfl\u00e4chig informieren, sind sie sehr anf\u00e4llig f\u00fcr Populismus. Wie sehen die Anf\u00e4nge, das wird weitergehen. Das geht bis in die b\u00fcrgerliche Mitte hinein. Demokratie muss wehrhaft sein gegen die, die sie abschaffen wollen. Diejenigen, die sich nicht informieren, unterst\u00fctzen dies.<br \/>\nDas Museum kl\u00e4rt mit seinen Themen\u00adstellungen auf. Wir stellen nicht nur Kunstwerke aus der Zeit der Verfolgung aus, sondern auch die Biogra\u00adfien und die Verfolgungs\u00adgeschichte. Es gibt K\u00fcnstler, die ausgegrenzt wurden, weil sie \u201efalsche Freun\u00adde\u201c hatten. Wir kl\u00e4ren auf, was mit den K\u00fcnstlern, was mit den Bildern passiert ist, wir berichten von der Willk\u00fcr und der Gewalt.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><strong>Wird das Zentrum als Mahner wahrgenommen?<\/strong><br \/>\nWir sind eine aufkl\u00e4rende Institution. Dazu werden wir z.B. von Medien um Stellung\u00adnahmen gefragt, beispielsweise in der Diskus\u00adsion um die Bilder von Cornelius Gurlitt. Die Situation und das Verhalten der Verfolgten k\u00f6nnen uns heute eine Lehre sein. Viele derzeitige Fl\u00fcchtlinge sind im Exil, sie sind keine freiwilligen Migranten, ihr Leben ist h\u00e4ufig bedroht. Wir zeigen Leben und Werk von K\u00fcnstlern, die schon in den 20er Jahren vor den zunehmenden Anfeindungen aus Deutschland weggegangen sind. 1924 geschah es in G\u00f6ttingen, dass ein Professor mit dem Ruf \u201eAb nach Jud\u00e4a!\u201c aus dem H\u00f6rsaal gepr\u00fcgelt wurde. Daraus entsteht die Einsicht, dass man schon auf Anf\u00e4nge einer derartigen Entwicklung reagieren sollte. Die damaligen Bilder der K\u00fcnstler sind nicht jenseits der Gesellschaft entstanden, sondern sie sind ein Spiegel dieser Gesellschaft.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" class=\"aligncenter wp-image-1045 size-large\" src=\"http:\/\/tacheles-solingen.de\/wp-content\/uploads\/2017\/03\/s-4-Hella-Jacobs_Frau-mit-Zigarette_1930_33_B\u00fcrgerstiftung-fuer-verfolgte-Ku...-783x1024.jpg\" alt=\"\" width=\"584\" height=\"764\" srcset=\"https:\/\/tacheles-solingen.de\/wp-content\/uploads\/2017\/03\/s-4-Hella-Jacobs_Frau-mit-Zigarette_1930_33_B\u00fcrgerstiftung-fuer-verfolgte-Ku...-783x1024.jpg 783w, https:\/\/tacheles-solingen.de\/wp-content\/uploads\/2017\/03\/s-4-Hella-Jacobs_Frau-mit-Zigarette_1930_33_B\u00fcrgerstiftung-fuer-verfolgte-Ku...-230x300.jpg 230w, https:\/\/tacheles-solingen.de\/wp-content\/uploads\/2017\/03\/s-4-Hella-Jacobs_Frau-mit-Zigarette_1930_33_B\u00fcrgerstiftung-fuer-verfolgte-Ku...-768x1004.jpg 768w, https:\/\/tacheles-solingen.de\/wp-content\/uploads\/2017\/03\/s-4-Hella-Jacobs_Frau-mit-Zigarette_1930_33_B\u00fcrgerstiftung-fuer-verfolgte-Ku....jpg 1000w\" sizes=\"(max-width: 584px) 100vw, 584px\" \/><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><strong>Welche nationalen und internationalen Zusammenarbeiten haben sich ergeben? Welche wichtigen Ausstellungen sind geplant?<\/strong><br \/>\nWir haben Verbindung zum Museum f\u00fcr zeitgen\u00f6ssische Kunst in Krakau. Es gibt eine st\u00e4ndige Kooperation mit der Internationalen Holocaustgedenkst\u00e4tte Yad Vashem in Jerusalem, mit dieser organisieren wir gerade zwei gemeinsame Ausstellungen. Bilder aus dem Zentrum f\u00fcr verfolgte K\u00fcnste werden in den n\u00e4chsten Jahren dort gezeigt. Die Smithsonian Institution, zu der 19 Museen geh\u00f6ren, m\u00f6chte 2019 das Zentrum in Washington vorstellen. Anschlie\u00dfend soll die Ausstellung nach Los Angeles gehen. Das IMIS in Osnabr\u00fcck, das \u00e4lteste Institut f\u00fcr Migrationsforschung, f\u00fchrt ein gemeinsames Projekt mit dem Zentrum zu den Migra\u00adtionsbewegungen durch: \u201eFollow people trace art\u201c. Das Projekt wird auch in die Ausstellungen in den USA integriert.<br \/>\nDurch die Kooperation mit dem LVR gibt es drei zus\u00e4tzliche Personalstellen. Seitdem betreut der neue Kurator des Zentrums, J\u00fcrgen Kaumk\u00f6tter, die Projekte in den USA, Israel und Polen. Durch ihn k\u00f6nnen wir die Kooperationen erst wahrnehmen. Er betreut auch eine weitere gro\u00dfe Ausstellung, die im April [2.4. &#8211; 2.7.] stattfindet: \u201eKunstwerk Le\u00adben \u2013 Von der hoffnungsvollen Wahlver\u00adwandtschaft zwischen Kunst und Medizin bis zu den nationalsozialistischen Verbrechen\u201c. Die Ausstellung zeigt Kunstwerke vom Mittelalter bis heute, der Schwerpunkt ist Deutschlands dunkelste Zeit. Die Ausstellung ist eine Kooperation mit der Dietrich Gr\u00f6nemeyer-Stiftung. Prof. Dietrich Gr\u00f6ne\u00admeyer h\u00e4lt zu diesem Thema zwei Vortr\u00e4ge in Solinger Schulen.<\/p>\n<p><strong>Welche Perspektiven sehen Sie f\u00fcr das Zentrum und f\u00fcr das Kunstmuseum insgesamt?<\/strong><br \/>\nDas Zentrum wird durch die Kooperation national und international bekannt bleiben. Weil es die einzige Institution ist, die auf dem Gebiet der verfolgten K\u00fcnste kontinuierlich arbeitet, werden wir das Zentrum zuk\u00fcnftig noch besser aufstellen m\u00fcssen.<br \/>\nDas Zentrum arbeitet mit den Best\u00e4nden der B\u00fcrgerstiftung f\u00fcr verfolgte K\u00fcnste &#8211; Else-Lasker-Sch\u00fcler-Zentrum &#8211; Kunstsammlung Gerhard Schneider, die von Solinger B\u00fcrgern, dem Kunstsammler Dr. Gerhard Schneider und dem Kunstmuseum Solingen gegr\u00fcndet wurde und an der sich danach der Landschaftsverband Rheinland und die Stiftung der Else-Lasker-Sch\u00fcler-Gesell\u00adschaft Wuppertal e.V. beteiligt haben.<br \/>\nBeide Teile des Museums \u2013 die Zentrum f\u00fcr verfolgte K\u00fcnste GmbH und die Kunst\u00admuseum Solingen GmbH \u2013 m\u00fcssen als Einheit betrachtet werden. Es gibt eine Kasse, einen Museumsshop, die Schulen werden von beiden Teilen betreut. Beide Teile sind wichtig. Das Leitbild des Ganzen ist die Aussage von Georg Meistermann \u00fcber den Zusam\u00admenhang der Kunst der Verfolgten des Nazis\u00admus und der Kunst der jungen Generation, die in einer Demokratie frei arbeiten k\u00f6nnen. Der Gegensatz ist kein Widerspruch, sondern aufkl\u00e4rend.<\/p>\n<p><strong>Strahlt das Konzept des Zentrums auf den Solinger Teil des Kunstmuseums, z.B. auf die Bergische Kunstausstellung aus?<\/strong><br \/>\nEs gibt keine direkte Ausstrahlung. Die K\u00fcnstler sollen frei arbeiten, die Besucher sehen den Gegensatz zwischen den beiden Be\u00adreichen. Die Ausstellung der Solinger Schulen \u201eKlasse Kunst\u201c war aber stark von politischen Aspekten gepr\u00e4gt.<\/p>\n<p><strong>Wie werden Schulen mit einbezogen? Verst\u00e4rkt sich die Kooperation mit Schulen?<\/strong><br \/>\nDie Kooperation mit Solinger Schulen verst\u00e4rkt sich. Wir bauen die Museump\u00e4dagogik des Zentrums erst auf, die Kunstmuseum GmbH arbeitet daran schon l\u00e4nger. Das Kunstmuseum wird sich zuk\u00fcnftig noch mehr an die weiterf\u00fchrenden Schulen wenden.<\/p>\n<p><strong>Lie\u00dfe sich die Wahrnehmung des Zent\u00adrums\/ des Kunstmuseums in der Stadt und in der Region steigern?<\/strong><br \/>\nJa, sie lie\u00dfe sich steigern. Das Zentrum f\u00fcr verfolgte K\u00fcnste konzipierte etwa die Ausstellung im Deutschen Bundestag zum 70. Jahrestag nach 1945 und der Befreiung der Menschen aus den Konzentrationslagern. Als dies ver\u00f6ffentlicht wurde, hat das in Solingen keine Zeitung gebracht. Der West\u00adf\u00e4lische Anzeiger berichtete auf zwei Seiten in Farbe, weil der Sammler der Bilder aus Westfalen stammt. Der niederl\u00e4ndische \u201eVolks\u00adkrant\u201c informierte ebenso ausf\u00fchrlich. Das ist in Solingen noch undenkbar. Die Wahr\u00ad\u00adnehmung in der benachbarten Region ist medienbedingt zu gering. Es wird nicht in den Wuppertaler, Haaner, Hildener, Langenfelder Ausgaben der hiesigen Zeitungen berichtet. Nur, wenn es eine bundesweite Medienreso\u00adnanz gibt, schlie\u00dfen sie sich die regionalen Zeitungen an. Die Krise der Tageszeitungen verst\u00e4rkt das: Es findet eher weniger Kultur statt als mehr. Auch eine starke Internet\u00adpr\u00e4senz w\u00e4re keine Alter\u00adnative. Wir nutzen Facebook und Twitter, aber das erreicht nicht die Masse der Leute, die \u00e4ltere Gener\u00adation informiert sich aus der Tageszeitung.<\/p>\n<p><strong>Welche Zusammenarbeit kann Solinger Schulen, Ver-einen und Einrichtun\u00adgen an\u00adg\u00adeboten werden?<\/strong><br \/>\nWir sind dabei, den Schulen konkrete Projekte f\u00fcr einzelne Jahrg\u00e4nge vorzuschlagen. Es k\u00f6nnen auch gemeinsame Pro\u00adjekte entwickelt werden. Beispielsweise k\u00f6nnten wir den Mitgliedern von interessierten Vereinen das Zentrum vorstellen, wir k\u00f6nnten ein Stadtviertel ins Museum einladen. Zu bestimmten Anl\u00e4s\u00adsen oder an bestimmten Tagen k\u00f6nnte mit Hilfe von Spon\u00adsoren freier Eintritt geschaffen werden. Wir als Museum machen Vorschl\u00e4ge, aber wir sind auch offen f\u00fcr eigene Vorschl\u00e4ge interessierter Grup\u00ad\u00adpen. Bei deutschsprachigen F\u00fchrungen k\u00f6nnen zus\u00e4tzliche Erkl\u00e4rungen z.B. auch in Arabisch oder Pol\u00adnisch gegeben werden. Wir wollen, dass das Museum ein Haus f\u00fcr alle B\u00fcrger ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><em>Das Gespr\u00e4ch f\u00fchrten Heinz M\u00e4hner und Dietmar Gaida<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ist das Museum bekannter geworden durch die offizielle Er\u00f6ffnung des Zentrums f\u00fcr verfolgte K\u00fcnste vor einem Jahr? 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