{"id":918,"date":"2016-09-13T18:00:15","date_gmt":"2016-09-13T18:00:15","guid":{"rendered":"http:\/\/tacheles-solingen.de\/?p=918"},"modified":"2016-09-13T18:00:15","modified_gmt":"2016-09-13T18:00:15","slug":"tuerkei-eine-reise-in-den-putsch","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/tacheles-solingen.de\/?p=918","title":{"rendered":"T\u00fcrkei: Eine Reise in den Putsch &#8230;"},"content":{"rendered":"<p><em>Um ihren verstorbenen Onkel in seiner Heimatstadt traditionsgem\u00e4\u00df beerdigen zu k\u00f6nnen, reiste Mina Cetin zusammen mit ihren Eltern, ihrer Nichte Can\u00e9 Keser und neun weiteren Verwandten etwa eine Woche vor dem Putschversuch nach Ovacik. Ovacic ist die Kreisstadt eines gleichnamigen Landkreises in der Provinz Tuncelli im Osten der T\u00fcrkei.<\/em><!--more--><\/p>\n<p>Nach Abschluss der Trauerfeierlichkeiten sollte es am Freitag, den 15. Juli zur\u00fcck nach Deutschland, nach Solingen gehen. Nur Minas Eltern wollten noch einige Zeit in Ovacik verbringen. Mina, Can\u00e9 und die die anderen Familienmitglieder machten sich gegen 17 Uhr mit dem Bus auf den Weg zum Flughafen in Elazig, was normalerweise etwas \u00fcber zwei Stunden dauert. Doch die offizielle Stra\u00dfe war zu diesem Zeitpunkt bereits vom Milit\u00e4r gesperrt. Die Soldaten teilten ihnen mit, dass Milit\u00e4rst\u00fctzpunkte in der Region angegriffen worden seien.<\/p>\n<p>So waren sie gezwungen den Weg \u00fcber die Bergstra\u00dfe zu nehmen, die sich bis zu einer H\u00f6he von 1.800 Metern hinauf schl\u00e4ngelt. Eine eigentlich wundersch\u00f6ne Strecke, wenn man die Landschaft genie\u00dfen m\u00f6chte \u2013 aber die Reisegruppe wurde immer wieder von Milit\u00e4rkontrollen angehalten und befragt. Und immer wieder h\u00f6rten sie Explosionen und sahen Rauchwolken aufsteigen, was allen Angst machte.<\/p>\n<p>Nach f\u00fcnf Stunden Fahrt kam die Reisegruppe endlich am Flughafen von Elazig an.<br \/>\nMina und ihre Familie hatten bereits eingecheckt\u00a0 und die Sicherheitskontrollen passiert, als das Flughafenpersonal pl\u00f6tzlich alle dazu aufrief, den Flughafen sofort zu verlassen. Ein Milit\u00e4rputsch sei im Gange und der Flughafen deshalb ab sofort gesperrt. Was f\u00fcr ein Schock! Die Aufregung unter den Passagieren war gro\u00df \u2013 und Mina, Can\u00e9 und ihre Familie bekamen jetzt noch mehr Angst. Wo sollten sie hin in dieser fremden Stadt? Nach Ovacik gab es in dieser Situation kein Zur\u00fcck mehr. Zudem geh\u00f6ren sie zu einer ethnischen Minderheit, die der t\u00fcrkischen Regierung schon seit langem ein Dorn im Auge ist.<\/p>\n<p>Auf Minas verzweifeltes Hilfegesuch organisierte schlie\u00dflich eine Flughafenmitarbeiterin einen Bus, der alle verhinderten Passagiere in ein einige Kilometer entferntes Hotel brachte. Dort bekamen sie zwar Zimmer, wurden aber gleichzeitig mit einer Ausgangssperre belegt.<\/p>\n<p>Um 00:37 erhielt auch Can\u00e9, die eine t\u00fcrkische Sim-Karte benutzte, zu ihrer \u00dcberraschung eine SMS von Pr\u00e4sident Erdogan pers\u00f6nlich: \u201eWir bitten das ganze Volk f\u00fcr die Demokratie auf die Stra\u00dfen zu gehen \u2013 Die t\u00fcrkische Regierung\u201c. Doch blieben die meisten Bewohner von Elazig nach Beobachtungen von Mina und Can\u00e9 in ihren H\u00e4usern. Sogar das Licht machten viele Bewohner aus. Nur ein paar fanatische Anh\u00e4nger Erdogans waren auf den Stra\u00dfen zu sehen und zu h\u00f6ren.<\/p>\n<p>Mina und Can\u00e9 blieben drei Tage in ihrem Hotelzimmer. An Schlaf war nicht zu denken, denn sie hatten die Bef\u00fcrchtung, dass es jeden Moment an der T\u00fcre klopfen und sie verhaftet werden k\u00f6nnten. Im Hotel gab es viele schwer bewaffnete Sicherheitsleute. Ebenso bef\u00fcrchteten die festsitzenden Reisenden, von den Geheimdienstmitarbeitern des MIT beobachtet zu werden, mit deren Anwesenheit sie rechnen mussten.<\/p>\n<div id=\"attachment_886\" style=\"width: 594px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-886\" loading=\"lazy\" class=\"wp-image-886 size-large\" src=\"http:\/\/tacheles-solingen.de\/wp-content\/uploads\/2016\/09\/65-T\u00fcrkei-1024x768.jpg\" alt=\"Minas Elternhaus wurde 1994 vom t\u00fcrkischen Milit\u00e4r zerst\u00f6rt. Foto: Dietmar Gaida\" width=\"584\" height=\"438\" srcset=\"http:\/\/tacheles-solingen.de\/wp-content\/uploads\/2016\/09\/65-T\u00fcrkei-1024x768.jpg 1024w, http:\/\/tacheles-solingen.de\/wp-content\/uploads\/2016\/09\/65-T\u00fcrkei-300x225.jpg 300w, http:\/\/tacheles-solingen.de\/wp-content\/uploads\/2016\/09\/65-T\u00fcrkei-768x576.jpg 768w, http:\/\/tacheles-solingen.de\/wp-content\/uploads\/2016\/09\/65-T\u00fcrkei-400x300.jpg 400w\" sizes=\"(max-width: 584px) 100vw, 584px\" \/><p id=\"caption-attachment-886\" class=\"wp-caption-text\">Minas Elternhaus wurde 1994 vom t\u00fcrkischen Milit\u00e4r zerst\u00f6rt. Foto: Dietmar Gaida<\/p><\/div>\n<p>Kindheitserinnerungen stiegen bei Mina auf: am 12. September 1980 kam es in der T\u00fcrkei zum letzten Milit\u00e4rputsch. Auch damals gingen b\u00fcrgerkriegs\u00e4hnliche Zust\u00e4nde voraus. Auf den Putsch\u00a0 folgten Verhaftungen, Folterungen und Todesurteile. Damals gab es noch die Todesstrafe \u2013 sie wurde erst 2004 abgeschafft.<br \/>\nIhre Eltern hatten in Vorahnung auf das Geschehen schon im August Mina, damals zehn Jahre alt, und ihren Cousin nach Deutschland geholt.<br \/>\n1994 kam es dann unter der neuen Regierung von Tansu Ciller zu Bombardierungen mit Brandf\u00e4ssern auf viele D\u00f6rfer in dem kurdischen Gebiet im Gro\u00dfraum Tunceli, zu dem auch Ovacik geh\u00f6rt. Fast 2.000 D\u00f6rfer\u00a0 im S\u00fcdosten der T\u00fcrkei wurden damals durch das Milit\u00e4r gewaltsam ger\u00e4umt. Viele Menschen wurden get\u00f6tet oder aus ihrer Heimat in die gro\u00dfen St\u00e4dte vertrieben. Das alles mitzuerleben war Mina damals erspart geblieben.<br \/>\nNach 36 Jahren, die sie mittlerweile schon in Solingen lebt, war Mina jetzt unerwartet mitten in den n\u00e4chsten\u00a0 Milit\u00e4rputsch hinein geraten. Ihre Nichte Can\u00e9, bereits in der 3. Generation in Solingen geboren, f\u00fchlte sich von den Ereignissen\u00a0 v\u00f6llig \u00fcberrollt.<\/p>\n<p>Am Sonntag hielt Mina es nicht mehr aus. Zusammen mit vier anderen verhinderten Flugg\u00e4sten fuhr sie mit einem Taxi zum Flughafen, der jedoch fast v\u00f6llig verwaist war. Dort bekamen sie die Auskunft, dass der Flughafen, wie auch alle anderen im Umkreis von 200 km, gesperrt sei. Auf Minas Dr\u00e4ngen bekamen sie von einer freundlichen Flughafenmitarbeiterin schlie\u00dflich die Zusage, dass die Reisegruppe verteilt auf unterschiedliche Fl\u00fcge vielleicht am Montag Pl\u00e4tze bek\u00e4me. Allerdings w\u00fcrde es mehrere Zwischenstopps geben.<br \/>\nMina und die junge Studentin Can\u00e9 bekamen schlie\u00dflich einen Platz, der sie mit einem Anschlussflug vom Atat\u00fcrk-Flughafen in Istanbul nach Deutschland brachte.<\/p>\n<p>Auf dem gro\u00dfen Flughafen in Istanbul\u00a0 konnten sie jede Menge schwer bewaffnete Sicherheitskr\u00e4fte beobachten, und \u00fcberall sahen sie Einschussl\u00f6cher und andere Kampfspuren des gescheiterten Putschversuchs.<\/p>\n<p>Viele Informationen \u00fcber das Geschehen hatten sie bis dahin nicht bekommen. Der Zugriff auf soziale Netzwerke wie Facebook und WhatsApp wurde immer wieder gest\u00f6rt, ebenso wie die Telefonverbindungen. Auch Nachrichten gab es nur bruchst\u00fcckhaft. Ein dicker Stein fiel Mina vom Herzen, als sie endlich in der Maschine nach Deutschland sa\u00dfen.<\/p>\n<p>Mina und ihre Familie geh\u00f6ren zu der Minderheit der Zaza &#8211; alle sind Aleviten. Ihre Vorfahren stammen aus dem persischen Raum, dem heutigen Iran.<\/p>\n<p>Minderheiten wie die Kurden, Aleviten, Zaza und Armenier, die in dem Gebiet um Tunceli\u00a0 in der \u00f6stlichen T\u00fcrkei leben,\u00a0 wurden schon immer ausgegrenzt, unterdr\u00fcckt und auch vertrieben. Was vor dem Putsch noch zu den illegalen Ma\u00dfnahmen geh\u00f6rte, ist durch den Putsch legal geworden &#8211; denn ein Ausnahmezustand erlaubt doch vieles.<\/p>\n<p>Den Putsch verurteilt Mina, f\u00fcr dessen Umsetzung anscheinend ahnungslose Soldaten mit dem Auftrag \u201eMan\u00f6ver-\u00dcbungen\u201c abzuhalten, losgeschickt wurden. Sie ist entsetzt dar\u00fcber, dass daf\u00fcr mehr als 260 unschuldige Menschen sterben mussten und \u00fcber 1.000 verletzt wurden. Sie macht sich aber auch Sorgen um die vielen tausend Verhafteten.<\/p>\n<p>Der nach dem Putsch ausgerufene Ausnahmezustand erlaubt eine Inhaftierung von bis zu 30 Tagen ohne Rechtsbeistand und ohne Kontakt zu den Angeh\u00f6rigen.\u00a0 Auch die erst 2004 abgeschaffte Todesstrafe ist wieder im Gespr\u00e4ch.<\/p>\n<p>Amnesty International und auch andere Organisationen kritisieren bereits \u00f6ffentlich die menschenunw\u00fcrdigen Bedingungen der Inhaftierten und sprechen \u00fcber sichtbare Anzeichen von Folter bei den Gefangenen. Auch die Entlassungen und Verhaftungen an Schulen, Hochschulen, in der Justiz, von Beamten und Journalisten bereiten ihr gro\u00dfe Sorgen: alles, was nicht in den Regierungskurs passt, wird\u00a0 aussortiert.<\/p>\n<p>In einem Gespr\u00e4ch frage ich Mina, welche Ver\u00e4nderungen der Putsch und die sich daran anschlie\u00dfende Entwicklung f\u00fcr sie, ihre Familie und die Alevitische Gemeinde in Solingen bringt.<\/p>\n<p>\u201eSpannungen und Differenzierungen gab es schon immer zwischen den verschiedenen in Solingen lebenden Gruppen mit t\u00fcrkischem Migrationshintergrund. Schon vor langer Zeit\u00a0 haben sich Parallelgesellschaften entwickelt. Vielleicht wird das jetzt f\u00fcr alle offensichtlicher \u2026\u201c\u00a0 Dazu z\u00e4hlt f\u00fcr sie als Beispiel die von der UETD organisierte Pro-Erdogan-Gro\u00dfkundgebung in K\u00f6ln. Stellvertretender Vorsitzender der Union Europ\u00e4isch-T\u00fcrkischer Demokraten (UETD) ist der Solinger Rechtsanwalt Fatith Zingal, der offen die Interessen der AKP vertritt.<br \/>\nAber auch die faschistischen \u201eGrauen W\u00f6lfe\u201c\u00a0 waren bei der Kundgebung vertreten. Die Menge br\u00fcllte immer wieder Alalhu Akbar\u201c und \u201eWir sind Deutschland\u201c.<\/p>\n<p>Minas sieht ihren Lebensmittelpunkt hier in Deutschland \u2013 deshalb f\u00fchlt sie sich von der derzeitigen Entwicklung in der T\u00fcrkei nicht so direkt betroffen. Trotzdem macht sie sich gro\u00dfe Sorgen, nicht nur um ihre Angeh\u00f6rigen und Freunde, die noch in der T\u00fcrkei leben. Sie macht sich Sorgen um alle Menschen in der T\u00fcrkei und um deren Zukunft. Mina liebt die T\u00fcrkei mit ihrer kulturellen Vielfalt, der wundersch\u00f6nen Landschaft und dem bunten Miteinander. Doch die Hoffnung auf eine positive Entwicklung hat sie aufgegeben &#8211; statt Fortschritt erwartet sie jetzt nur noch R\u00fcckschritt \u2013 auf vielen verschiedenen Ebenen.<br \/>\nAber sie hat noch Hoffnung, dass der Konflikt nicht auch in Deutschland ausgetragen wird:<br \/>\n\u201eMeine Idealvorstellung von einer funktionierenden Gesellschaft ist die, in der der Mensch z\u00e4hlt &#8211; unabh\u00e4ngig von Religion, Herkunft oder Hautfarbe, und in der die Menschen nicht durch politische und wirtschaftliche Macht instrumentalisiert werden.\u201c<\/p>\n<p>Birgit Correns<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Um ihren verstorbenen Onkel in seiner Heimatstadt traditionsgem\u00e4\u00df beerdigen zu k\u00f6nnen, reiste Mina Cetin zusammen mit ihren Eltern, ihrer Nichte Can\u00e9 Keser und neun weiteren Verwandten etwa eine Woche vor dem Putschversuch nach Ovacik. 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