{"id":840,"date":"2016-07-19T15:11:36","date_gmt":"2016-07-19T15:11:36","guid":{"rendered":"http:\/\/tacheles-solingen.de\/?p=840"},"modified":"2016-07-19T15:11:36","modified_gmt":"2016-07-19T15:11:36","slug":"die-wiederbelebung-der-oeffentlichen-sphaere","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/tacheles-solingen.de\/?p=840","title":{"rendered":"Die Wiederbelebung der \u00f6ffentlichen Sph\u00e4re"},"content":{"rendered":"<h1>Libert\u00e4rer Kommunalismus als Alternative zur Standortpolitik<\/h1>\n<p><!--more--><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Verdana,Arial,Helvetica;\">Angesichts der fortschreitenden Zerst\u00f6rung der Lebensgrundlagen des Menschen und der Natur durch den Zwang zu\u00a0 immer st\u00e4rkeren Vernutzung alles Lebendigen aus Gr\u00fcnden der vom System geforderten Profitmaximierung, wurden Modelle entwickelt, wie jenseits des kapitalistischen Systems das Zusammenleben der Menschen organisiert werden k\u00f6nnte.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Verdana,Arial,Helvetica;\">Ein Vorschlag dazu ist das Konzept des libert\u00e4ren Kommunalismus.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Verdana,Arial,Helvetica;\">Es wurde von dem US-amerikanischen Sozial\u00f6kologen und Anarchisten Murray Bookchin entwickelt. Anders als im Staatssozialismus werden hier die Selbstbestimmung der Menschen und die Verantwortung des Menschen gegen\u00fcber der Umwelt zum Ausgangspunkt der \u00dcberlegungen. Er kn\u00fcpft geschichtlich an die Selbstverwaltung in der griechischen Stadt und den mittelalterlichen Stadtstaaten an, will aber die auch hierbei grundlegenden krassen sozialen Ausgrenzungen vermeiden. Weitere historische Ankn\u00fcpfungspunkte sind die Pariser Sektionsversammlungen in der franz\u00f6sischen Revolution (Volksversammlungen in den Stadtvierteln) und die anarchistisch inspirierte Arbeiter- und Bauernselbstverwaltung in Katalonien 1936.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Verdana,Arial,Helvetica;\">Der libert\u00e4re Kommunalismus will eine direkte Demokratie, in der die Menschen in autonomen Kleinst\u00e4dten oder Stadtvierteln von Gro\u00dfst\u00e4dten in Versammlungen zusammenkommen. Alle wichtigen Entscheidungen in diesen Stadtvierteln werden in EinwohnerInnenversammlungen diskutiert und abgestimmt.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Verdana,Arial,Helvetica;\">Die Wirtschaft geh\u00f6rt den Kommunen. \u00dcber alle wichtigen Planungen, die Art der Produktion, des Anbaus etc. wird gemeinsam entschieden. Bookchin versteht die Kommunalisierung der Wirtschaft als die bessere L\u00f6sung gegen\u00fcber der Idee der anarchosyndikalistischen Selbstverwaltung der ArbeiterInnen in den Betrieben, da bei der Kommunalisierung verhindert wird, da\u00df die ArbeiterInnen einer Firma gegen\u00fcber denen anderer Firmen in Konkurrenz treten. \u201cDer libert\u00e4re Kommunalismus politisiert hingegen die Wirtschaft und l\u00e4\u00dft sie in der politischen Sph\u00e4re aufgehen. Es wird verhindert, da\u00df eine Fabrik oder ein St\u00fcck Land sich absondert oder gar ein Konkurrenzelement in eine sich doch kommunal verstehende Gemeinschaft einf\u00fchrt.\u201d<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Verdana,Arial,Helvetica;\">Die Kommunen sind unabh\u00e4ngig. Sie bilden F\u00f6derationen mit anderen Kommunen. Delegierte der Versammlungen vertreten die\u00a0 Entscheidungen der freien Kommunen und sind an sie gebunden. \u201cEntscheidend f\u00fcr eine Realisierungschance des F\u00f6deralismus ist die Zusammenwirkung der Gemeinschaften \u2013 das bedeutet ein gegenseitiges Geben und Nehmen bei der Verwendung der Ressourcen und der Produkte und \u00fcberhaupt bei der Entscheidung \u00fcber einzuschlagende Wege.\u201d Bookchin sieht den F\u00f6deralismus als eine notwendige Erg\u00e4nzung der Dezentralisierung und Selbstversorgung der Kommunen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Verdana,Arial,Helvetica;\">Um dieses Ziel einer kommunalistischen Gesellschaft zu erreichen, soll im bestehenden kapitalistischen Gesellschaftssystem eine Gegenmacht gegen den Staat aufgebaut werden, die sich auf Versammlungen und konf\u00f6derierte R\u00e4te st\u00fctzt. In den Versammlungen wird \u00fcber wichtige Entscheidungen im Stadtviertel und dar\u00fcber hinaus gesprochen und abgestimmt. Diese Versammlungen sind mit moralischer Macht ausgestattet, wenn sich viele Menschen daran beteiligen. Sie versuchen, die offiziellen Entscheidungen des Stadtrates zu beeinflussen und Entscheidungsbefugnisse \u00fcbertragen zu bekommen. In einer \u00dcbergangsphase von \u201ddualer Macht\u201d versuchen sie, den Aufkauf ganzer Unternehmen durch die Stadt zu erreichen und die St\u00e4rkung des st\u00e4dtischen Besitzes an Wohnungen und Agrarfl\u00e4chen zu erreichen, um so eine kommunalisierte Wirtschaft vorzubereiten.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Verdana,Arial,Helvetica;\">Bookchin meint, es m\u00fc\u00dften nicht nur alternative Institutionen wie Food Coops, selbstorganisierte \u00e4rztliche Versorgung usw. geschaffen werden, sondern es m\u00fcsse zus\u00e4tzlich eine \u00f6ffentliche politische Sph\u00e4re \u00fcberhaupt erst wieder geschaffen werden, in der alle zusammen diskutieren und entscheiden k\u00f6nnen. \u201cHeute ist auch der Politik-Begriff so eng mit dem Staat verbunden, da\u00df es f\u00fcr den Staat m\u00f6glich geworden ist, sich als diesen politischen Raum auszugeben.\u201d<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Verdana,Arial,Helvetica;\">Die Wiedergewinnung der Politikf\u00e4higkeit f\u00fcr alle als Ziel der Versammlungsdemokratie funktioniert nur vor dem Hintergrund der Entstehung eines ver\u00e4nderten Blickwinkels. So kritisiert er den neuen Lebensstil mit der Haltung des \u201cja nicht in gesellschaftliche Aff\u00e4ren verwickelt zu werden\u201d. Seine Nachbarschaft als mini-\u00f6ffentlichen Raum zur\u00fcckerobern, als selbstbestimmten lokalen Lebensraum, w\u00e4re das Ziel.<\/span><\/p>\n<p><strong><span style=\"font-family: Verdana,Arial,Helvetica;\">Schritte zur Ver\u00e4nderung &#8230;<\/span><\/strong><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Verdana,Arial,Helvetica;\">Welche Anforderungen f\u00fcr eine Ver\u00e4nderung der Gesellschaft ergeben sich aus der Idee des libert\u00e4ren Kommunalismus?<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Verdana,Arial,Helvetica;\">Die Vorstellung einer Wiederbelebung der \u00f6ffentlichen Sph\u00e4re in einer Versammlungsdemokratie erfordert Gemeinschaftseinrichtungen, Orte, in denen das Gespr\u00e4ch zwischen NachbarInnen unterschiedlicher sozialer Herkunft m\u00f6glich ist: \u00f6ffentliche Pl\u00e4tze, Versammlungsh\u00e4user, Gemeinschaftsk\u00fcchen, R\u00e4ume, an denen planerische Alternativen gemeinsam entwickelt, ausgestellt und diskutiert werden k\u00f6nnen. Um eine Beteiligung der MigrantInnen an den Entscheidungen zu erm\u00f6glichen, m\u00fc\u00dften Sprachkurse und \u00dcbersetzerInnen gef\u00f6rdert werden.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Verdana,Arial,Helvetica;\">Die Informationsm\u00f6glichkeiten der Menschen \u00fcber ihre Umwelt und das wirtschaftliche und soziale Geschehen in ihrem Stadtteil m\u00fc\u00dften stark verbessert werden. Daf\u00fcr w\u00e4re es wichtig, den Zugang der Bev\u00f6lkerung zu den Medien zu demokratisieren:<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Verdana,Arial,Helvetica;\">Die M\u00f6glichkeit f\u00fcr alle, Flugbl\u00e4tter, Zeitungen, Lokalfernsehen, Lokalradios zu nutzen, ist dabei eine Grundvoraussetzung. Der Zugriff auf Planungen und Planungsdaten k\u00f6nnte \u00fcber \u00f6ffentliche Internet-Caf\u00e9s mit der daf\u00fcr notwendigen p\u00e4dagogischen Betreuung verbessert werden.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Verdana,Arial,Helvetica;\">Die St\u00e4rkung der Selbstversorgung der Stadtteile w\u00e4re ein weiteres Ziel. Entgegen dem Trend zur Privatisierung der \u00f6ffentlichen Einrichtungen, wie z. B. der Stadtwerke, w\u00e4re die St\u00e4rkung des kommunalen Sektors der Wirtschaft entscheidend, wobei die kommunalen Einrichtungen wie z. B. Wohnungen, Energieversorgung, M\u00fcllentsorgung, \u00f6ffentliche Kantinen anders als bisher in die reale Verf\u00fcgungsgewalt der BewohnerInnen gestellt w\u00fcrden, statt in die Verf\u00fcgung der st\u00e4dtischen und staatlichen Verwaltungen der PolitikerInnen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Verdana,Arial,Helvetica;\">Wir leben in einer Zeit, in der das Kapital keine Parteien mehr, sondern nur noch Standorte kennt. Es gibt kaum noch ernsthaften Widerstand gegen die v\u00f6llige Aufgabe des \u00f6ffentlichen Raumes und\u00a0 des \u00f6ffentlichen Sektors. Da wirkt die Idee der Wiederbelebung der \u00f6ffentlichen Sph\u00e4re erst einmal befremdlich. Das Nachdenken dar\u00fcber, wie wir aus einer zerst\u00f6rerischen Situation herauskommen k\u00f6nnen, macht aber einen Blick \u00fcber den Sumpf der \u201dReal\u201dpolitik hinaus notwendig und erfordert die Auseinandersetzung mit \u2014 nur auf den ersten Blick \u2014 \u201dutopischen\u201d Gedanken.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Verdana,Arial,Helvetica;\">Dietmar Gaida<\/span><br \/>\n<span style=\"font-family: Verdana,Arial,Helvetica;\">Literatur:<\/span><br \/>\n<span style=\"font-family: Verdana,Arial,Helvetica;\"><b>Die Agonie der Stadt<\/b>. Murray Bookchin 1996. Grafenau: Trotzdem Verlag<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Libert\u00e4rer Kommunalismus als Alternative zur Standortpolitik<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[257],"tags":[86,285,286,106],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/tacheles-solingen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/840"}],"collection":[{"href":"http:\/\/tacheles-solingen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/tacheles-solingen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/tacheles-solingen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/tacheles-solingen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=840"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/tacheles-solingen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/840\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":841,"href":"http:\/\/tacheles-solingen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/840\/revisions\/841"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/tacheles-solingen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=840"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/tacheles-solingen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=840"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/tacheles-solingen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=840"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}