{"id":765,"date":"2016-07-13T13:23:42","date_gmt":"2016-07-13T13:23:42","guid":{"rendered":"http:\/\/tacheles-solingen.de\/?p=765"},"modified":"2016-07-13T13:23:42","modified_gmt":"2016-07-13T13:23:42","slug":"maennliche-jugendliche-sind-oefter-gewalttaetig","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/tacheles-solingen.de\/?p=765","title":{"rendered":"M\u00e4nnliche Jugendliche sind \u00f6fter gewaltt\u00e4tig!"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"font-family: Verdana,Arial,Helvetica;\">Rei\u00dferisch verk\u00fcndet das Solinger Tageblatt am 9. April 1998: \u201cStudie: Junge Ausl\u00e4nder sind \u00f6fter gewaltt\u00e4tig\u201d. Da klatschen viele Deutsche in die H\u00e4nde: \u201dNa, haben wir es nicht immer schon gesagt? War doch klar, da\u00df das alles Verbrecher sind!\u201d<\/span><!--more--><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Verdana,Arial,Helvetica;\">Wie kommt das Tageblatt zu dieser plakativen \u00dcberschrift, durch die sich ein Gro\u00dfteil der Bev\u00f6lkerung best\u00e4tigt f\u00fchlt? Die Redakteurin, die den Artikel schrieb, bezog sich dabei auf eine Studie zur Jugendkriminalit\u00e4t in Solingen. Anhand von Daten aus der Polizei-lichen Kriminal-Statistik (PKS) und weiteren Erhebungen ist u.a. die Kriminalit\u00e4t und Gewaltbereitschaft von Jugendlichen im Alter von 8-20 Jahren untersucht worden. Die Ergebnisse, die dabei ermittelt wurden, stellen sich jedoch bei genauerer Betrachtung differenzierter dar, als es in dem Artikel zum Ausdruck kommt.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Verdana,Arial,Helvetica;\">Hei\u00dft es doch in der Studie:<i>\u201dDie Ausl\u00e4nderkriminalit\u00e4t ist ein besonders sensibler und komplexer Bereich. Psychologischen Erkenntnissen zufolge ist das Individuum Mensch bestrebt, Komplexit\u00e4t zu reduzieren, d.h. einfache Erkl\u00e4rungen f\u00fcr schwierige Sachverhalte zu finden.\u201d<\/i><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Verdana,Arial,Helvetica;\">Es \u00fcberrascht daher vielleicht nicht, wie unsensibel hier wieder einmal mit einem strittigen\u00a0 und spannungsgeladenen Thema umgegangen wurde, allerdings sollte von JournalistInnen schon ein wenig mehr Reflexionstalent und Feingef\u00fchl zu erwarten sein.<\/span><\/p>\n<p><strong><span style=\"font-family: Verdana,Arial,Helvetica;\">Bezugsgr\u00f6\u00dfe sind Tatverd\u00e4chtige<\/span><\/strong><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Verdana,Arial,Helvetica;\">Wird doch zun\u00e4chst in der Studie betont (und dies tut die Redakteurin auch!), da\u00df sich die vorliegenden Daten auf \u201cTatverd\u00e4chtige\u201d (TV) beziehen, also auf Jugendliche, die lediglich verd\u00e4chtigt werden, eine Straftat begangen zu haben. Dennoch werden die Verd\u00e4chtigten in der \u00dcberschrift des Artikels zu T\u00e4tern, praktisch zu Verurteilten gemacht (\u201c&#8230;sind \u00f6fter gewaltt\u00e4tig\u201d).<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Verdana,Arial,Helvetica;\">Unkritisch wird auch die Fragestellung der Polizei-Projektarbeit hingenommen: \u201dF\u00fchrt ein erh\u00f6hter Anteil jugendlicher Ausl\u00e4nder zu vermehrten oder auch bestimmten Straftaten?\u201d Was soll der Quatsch? \u2013 Ich stelle die Gegenfrage: F\u00fchrt ein erh\u00f6hter Anteil jugendlicher Deutscher, -oder besser noch- ein erh\u00f6hter Anteil m\u00e4nnlicher Jugendlicher\u00a0 zu vermehrten Straftaten? Scheint doch gerade der Punkt in der Studie viel pr\u00e4gnanter zu sein, der sich mit dem Anteil der weiblichen im Vergleich zu den m\u00e4nnlichen Tatverd\u00e4chtigen besch\u00e4ftigt. <i>\u201cIn Solingen stieg der Anteil der unter 21j\u00e4hrigen Frauen von 1992 bis 1996 von 3,8% auf 5,1% an den TV zu den ausgew\u00e4hlten Delikten. Solingen liegt damit unter dem Landesmittel von 9,2 %.. Damit wird best\u00e4tigt, da\u00df diese Gewaltdelikte weitgehend eine Dom\u00e4ne der m\u00e4nnlichen Jugend sind.\u201d<\/i><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Verdana,Arial,Helvetica;\">Warum lautete die \u00dcberschrift des Tageblatt-Artikels nicht: Studie: <b>\u201cM\u00e4nnliche Jugendliche sind \u00f6fter gewaltt\u00e4tig\u201d<\/b>? Als Reaktion auf solch einen Titel ist eben nur ein m\u00fcdes L\u00e4cheln zu erwarten und nicht etwa die Forderung nach Abschiebung aller gewaltt\u00e4tig auffallenden m\u00e4nnlichen Jugendlichen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Verdana,Arial,Helvetica;\">Der Focus ist auf die \u201cAusl\u00e4nder\u201d gerichtet, auf die sogenannten Nichtdeutschen, die Jugendlichen ohne deutschen Pa\u00df. Die fehlende deutsche Staatsb\u00fcrgerschaft wird als Indiz f\u00fcr besondere Auff\u00e4lligkeit genommen. Dabei wird ausgeklammert, da\u00df viele ausl\u00e4ndische Jugendliche in Deutschland geboren wurden, ihre Eltern bereits hier geboren wurden, sie selbst vielleicht nie das Land gesehen haben, aus dem ihre Eltern und Gro\u00dfeltern stammen.<\/span><\/p>\n<p><strong><span style=\"font-family: Verdana,Arial,Helvetica;\">Rassistische Vorurteile werden best\u00e4rkt<\/span><\/strong><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Verdana,Arial,Helvetica;\">Mit dem Tageblatt-Artikel wird suggeriert, da\u00df \u201cjunge Ausl\u00e4nder\u201d aufgrund ihrer spezifischen kulturellen Identit\u00e4t eher zur Gewalt neigen. Hier und in der Studie werden die ausl\u00e4ndischen\u00a0 und besonders die t\u00fcrkischen Familien pauschal als patriarchal strukturiert, mit niedrigem Bildungsniveau und grunds\u00e4tzlich anderer Gewaltakzeptanz analysiert. Das Bild von den \u2018Fremden\u2019, die kulturell anders sind und im \u201cst\u00e4ndigen Konflikt zwischen dem traditionellen Elternhaus und den Erwartungen der modernen Gesellschaft stehen\u201d (ST), wird hier aufrechterhalten.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Verdana,Arial,Helvetica;\">Interessanterweise wird dann an anderer Stelle in der Studie dargelegt,<i>\u201dda\u00df nicht die Zugeh\u00f6rigkeit zu einer Minorit\u00e4t bzw. eine Staatsangeh\u00f6rigkeit wesentliche Ursache f\u00fcr kriminelles Verhalten ist, sondern die Lebenslagen junger Menschen\u201d<\/i>. Und stand da nicht noch irgendwo&#8230;, ach hier: <i>\u201cBelegt ist dabei die Erkenntnis, da\u00df Ausl\u00e4nder mit Integrationschancen an der Kriminalit\u00e4tsbelastung nicht mehr beteiligt sind als ihre deutschen Altersgenossen\u201d.<\/i> Wird hier doch deutlich, da\u00df die Lebenslagen Jugendlicher entscheidend f\u00fcr ihr Verhalten sind und nicht etwa das blo\u00dfe \u2018Ausl\u00e4ndersein\u2019.<\/span><\/p>\n<p><strong><span style=\"font-family: Verdana,Arial,Helvetica;\">Ausl\u00e4nderbeauftragte Agnes Heuvelmann<\/span><\/strong><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Verdana,Arial,Helvetica;\">Auch die Ausl\u00e4nderbeauftragte Agnes Heuvelmann steht dem statistischen Material kritisch gegen\u00fcber. Ihrer Meinung nach werden in der Studie (\u201csicher unabsichtlich\u201d) statistische Bezugsgr\u00f6\u00dfen durcheinandergeworfen. Bei genauerer Betrachtung der ermittelten Werte kommt man ihrer Meinung nach nicht zu dem Ergebnis, da\u00df die Kriminalit\u00e4t ausl\u00e4ndischer Jugendlicher \u00fcberproportional ist. \u201cDa\u00df ein h\u00f6herer Anteil ausl\u00e4ndischer Jugendlicher auch eine h\u00f6here Kriminalit\u00e4t bedeutet, ist f\u00fcr mich nicht bewiesen\u201d. In diesem Zusammenhang verweist Frau Heuvelmann auch auf zahlreiche Untersuchungen, die eben diesen Kausalschlu\u00df widerlegen. Au\u00dferdem betont sie, da\u00df es in der Bev\u00f6lkerung ein h\u00f6heres Anzeigeverhalten gegen\u00fcber Jugendlichen und \u2018Ausl\u00e4ndern\u2019 gibt. \u201cDamit sind jugendliche Ausl\u00e4nder nat\u00fcrlich besonders betroffen\u201d.<\/span><\/p>\n<p><strong><span style=\"font-family: Verdana,Arial,Helvetica;\">Thema nicht verschweigen<\/span><\/strong><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Verdana,Arial,Helvetica;\">Sie betont jedoch: \u201dIch finde es grunds\u00e4tzlich in Ordnung, \u00fcber die Kriminalit\u00e4t sozial ausgegrenzter Jugendlicher zu berichten. Das Thema darf nicht verschwiegen werden\u201d. Von den Ausl\u00e4ndern zu sprechen, beurteilt sie jedoch als problematisch. \u201cEs sind Jugendliche, die hier geboren und erzogen worden sind\u201d. Das Bem\u00fchen um Integration auf der einen Seite und die rechtliche Situation, Visapflicht, fehlende Ausbildungspl\u00e4tze und fehlende Partizipationsm\u00f6glichkeiten insbesondere f\u00fcr Fl\u00fcchtlinge und Asylbewerber l\u00f6sen ihrer Ansicht nach einen Gegeneffekt aus. Das Gef\u00fchl, ausgegrenzt zu sein, kann dann zur Cliquenbildung und zu aggressivem Verhalten f\u00fchren. Arbeitslosigkeit oder das Wohnen in schlechter Lage d\u00fcrfen ihrer Meinung nach jedoch nicht gewaltt\u00e4tiges Verhalten legitimieren.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Verdana,Arial,Helvetica;\">Frau Heuvelmann erhofft sich, da\u00df es zu einer positiven Tendenz im Bereich der Jugendarbeit kommt und in Zukunft vermehrt \u2018ausl\u00e4ndische\u2019 SozialarbeiterInnen eingestellt werden, die den Kontakt zu Jugendlichen in kritischen Lebenslagen herstellen.<\/span><\/p>\n<p><strong>Journalistische Verantwortung<\/strong><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Verdana,Arial,Helvetica;\">Auch seit 1993 scheint sich in der Medienberichterstattung vom Solinger Tageblatt nicht viel ge\u00e4ndert zu haben. Leichtfertig werden \u00dcberschriften und Artikel formuliert, mit denen die Beteiligung sogenannter \u2018Ausl\u00e4nder\u2019 an kriminellen Handlungen besonders hervorgehoben wird. Die Kriminalisierung von MigrantInnen wird vorangetrieben und latenter Rassismus weiter best\u00e4rkt, in dem das Bild von der Unvereinbarkeit kultureller Differenzen aufrechtgehalten wird.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Verdana,Arial,Helvetica;\">Fragt sich nur, wann sich endlich diese Art von Berichterstattung \u00e4ndert?<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Verdana,Arial,Helvetica;\">Eva Thomas<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Rei\u00dferisch verk\u00fcndet das Solinger Tageblatt am 9. April 1998: \u201cStudie: Junge Ausl\u00e4nder sind \u00f6fter gewaltt\u00e4tig\u201d. Da klatschen viele Deutsche in die H\u00e4nde: \u201dNa, haben wir es nicht immer schon gesagt? 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