{"id":635,"date":"2016-06-27T18:17:49","date_gmt":"2016-06-27T18:17:49","guid":{"rendered":"http:\/\/tacheles-solingen.de\/?p=635"},"modified":"2016-06-27T18:17:49","modified_gmt":"2016-06-27T18:17:49","slug":"die-kleine-reise-nach-feuerland","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/tacheles-solingen.de\/?p=635","title":{"rendered":"Die kleine Reise nach Feuerland"},"content":{"rendered":"<h1><b><span style=\"font-family: Verdana,Arial,Helvetica;\">Besuch einer Kommune in Brandenburg<\/span><\/b><\/h1>\n<p><span style=\"font-family: Verdana,Arial,Helvetica;\">Im letzten November fuhren wir, eine Gruppe von Interessierten aus Solingen und Wuppertal f\u00fcr ein Wochenende nach Feuerland.\u00a0 <\/span><!--more--><span style=\"font-family: Verdana,Arial,Helvetica;\">Es ist nicht das Feuerland, das an der S\u00fcdspitze S\u00fcdamerikas liegt und dessen Ureinwohner von wei\u00dfen Eroberern gnadenlos ausgerottet wurden, sondern wir besuchten die Gemeinschaft Feuerland. Sie liegt bei Br\u00fcssow in der Uckermark, einem Teil von Brandenburg, der ziemlich d\u00fcnn besiedelt ist und \u00fcberwiegend landwirtschaftlich genutzt wird.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Verdana,Arial,Helvetica;\">Einsam au\u00dferhalb des Dorfes gelegen, ist das gro\u00dfe Gemeinschaftsgel\u00e4nde nur \u00fcber Feldwege erreichbar. Nach langer Fahrt kamen wir hier schlie\u00dflich Freitagabend buchst\u00e4blich am Ende der Welt an. Dieser Eindruck wurde am n\u00e4chsten Morgen noch unterstrichen durch die ungewohnte Stille und Weite der den Hof umgebenden Landschaft.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Verdana,Arial,Helvetica;\">Bei der Ankunft wurden wir recht gastfreundlich mit warmer Gem\u00fcserahmsuppe und Tee empfangen und im Gemeinschaftsraum in der Scheune untergebracht und einige FeuerlandbewohnerInnen stellten sich noch unseren neugierigen Fragen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Verdana,Arial,Helvetica;\">Neben dem Gemeinschaftsleben interessierte uns der dem Gemeinschaftsleben zugrundeliegende Ansatz der Radikalen Therapie (RT). Aus der Erkenntnis heraus, \u201dda\u00df Gemeinschaftsentwicklung ohne die gezielte Entwicklung der Einzelnen und ihrer Ausdrucksm\u00f6glichkeiten kaum realisierbar ist\u201d\u00a0 wendet die Gruppe diese Methode seit mehreren Jahren systematisch an. Mindestens zweimal im Monat wird ein entsprechender Abend gemacht, wobei es aufgrund der kleinen Gruppengr\u00f6\u00dfe keine Geschlechtertrennung gibt.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Verdana,Arial,Helvetica;\">Auch andere Gemeinschaften probieren RT mittlerweile aus.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Verdana,Arial,Helvetica;\">In der\u00a0 Ausgabe 5 der tacheles wurde das Konzept der Radikalen Therapie bereits in Grundz\u00fcgen vorgestellt, weshalb hier nicht weiter ausf\u00fchrlich darauf eingegangen wird.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Verdana,Arial,Helvetica;\">Am Samstagmorgen wurden wir nach dem Fr\u00fchst\u00fcck erst einmal durch die Gemeinschaft gef\u00fchrt. Da w\u00e4re an R\u00e4umlichkeiten zun\u00e4chst das Hauptwohnhaus zu nennen, ein \u00e4lteres, nicht sehr hohes Bauernhaus, dessen Zimmer baulich geteilt wurden, damit die meisten Gruppenmitglieder hier erst einmal einen eigenen Raum bekamen. Neben der Kommunek\u00fcche, dem E\u00df- und Wohnzimmer gibt es noch R\u00e4ume f\u00fcr die Frauen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Verdana,Arial,Helvetica;\">Nebenan ist seit l\u00e4ngerem ein Haus im Wiederaufbau, da\u00df einmal das Frauenhaus werden soll.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Verdana,Arial,Helvetica;\">Der von umherziehenden Handwerkerinnen komplett neu eingesetzte Dachstuhl sieht recht imposant aus. Daneben steht der ehemalige Stall, der einmal ein Tagungshaus werden soll, auch hier ist bereits das Dach komplett erneuert worden. Auch bei der riesigen, hallenartig durch ganze Baumst\u00e4mme getragenen Holzscheune wurden Sch\u00e4den im Dach zuerst ausgebessert um weiterem Substanzverfall vorzubeugen. Im dreigeschossigen Ziegelteil der Scheune bauen sich zwei M\u00e4nner eigene Zimmer aus, wobei wir im Laufe des Tages etwas halfen (anbringen von Regipsplatten). Au\u00dferdem wohnen und arbeiten noch einzelne Leute in Wagen, die auf dem Gel\u00e4nde stehen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Verdana,Arial,Helvetica;\">Es gibt einen gro\u00dfen Nutzgarten und einen etwas kleineren mit Blumen und Str\u00e4uchern.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Verdana,Arial,Helvetica;\">Zus\u00e4tzlich wird auf einer gr\u00f6\u00dferen angrenzenden Fl\u00e4che Gem\u00fcse angebaut, was teils selber eingelagert und verbraucht wird, teils per Direktvermarktung kistenweise an EinzelabnehmerInnen in Berlin geliefert wird. Die \u00c4pfel der gro\u00dfen Obstbaumwiese werden zu Apfelsaft und -wein verarbeitet und bis nach Berlin verkauft. An Tieren werden freilaufende H\u00fchner gehalten, eine Haflingerstute und mehrere Hunde und Katzen wobei daran gedacht wird, das Ganze sp\u00e4ter zu einem Erlebnisbauernhof mit vielen Tieren f\u00fcr Kinder auszubauen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Verdana,Arial,Helvetica;\">Nach der Arbeit in Kleingruppen drau\u00dfen, die am sp\u00e4ten Nachmittag beendet wurde (Hof aufr\u00e4umen, Zaun setzen, Apfelsaftkisten schleppen) wurde gesp\u00fclt und das wirklich gute Abendessen aus dem gezaubert, was wir mitgebracht hatten und was das Haus zu bieten hatte. Anschlie\u00dfend gab es noch einen lustigen Spieleabend mit unseren drei G\u00e4stebetreuerInnen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Verdana,Arial,Helvetica;\">Unsere Fragen zu Struktur, Selbstverst\u00e4ndnis und \u00d6konomie der Gemeinschaft wurden auch noch beantwortet. Die Gemeinschaft besteht aus etwa\u00a0 zehn Menschen, wobei allerdings keine Kinder und keine \u00e4lteren Menschen sind. Die meisten kommen aus der Stadt und sind Westdeutsche, die Anfangsmotivation war die Radikale Therapie, mit der viele Bewohnerinnen schon Vorerfahrungen hatten, mit einem Gemeinschaftzusammenhang zu kombinieren.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Verdana,Arial,Helvetica;\">Die meisten Leute, die hier leben, f\u00fchlen sich ganz wohl, was wahrscheinlich damit zusammenh\u00e4ngt, da\u00df sie vom Konzept der Gemeinschaft \u00fcberzeugt sind. Nur ganz wenige sind bisher wieder gegangen, allerdings dauert es meist auch l\u00e4ngere Zeit bis Menschen hier langfristig leben wollen und es kommt auch nicht so h\u00e4ufig vor.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Verdana,Arial,Helvetica;\">Die harten Winter hier sind psychisch nicht ganz leicht zu \u00fcberstehen aber es kommen immer wieder viele G\u00e4ste, die Abwechselung bringen, aber auch viel Aufmerksamkeit ben\u00f6tigen, deshalb\u00a0 ist die Gemeinschaft dazu \u00fcbergegangen, neue Besuchergruppen nur noch dann einzuladen, wenn sich gen\u00fcgend Leute aus der Gemeinschaft bereitfinden, sie zu betreuen. So gesehen hat die Gemeinschaft sicherlich Ausstrahlung, sie zieht mit ihrem gelebten Konzept der Radikalen Therapie und ihrem anarchistisch gepr\u00e4gten Lebensmodell viele Menschen an, die diese Praxis zumindest kennenlernen wollen. Die Gruppe w\u00e4chst nur langsam, das liegt vermutlich daran, da\u00df sowohl Interessenten wie auch die Gruppe gegenseitig recht\u00a0 anspruchsvoll sind, so da\u00df selten Leute langfristig \u00fcber eine Probezeit hinaus bleiben.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Verdana,Arial,Helvetica;\">Die Gemeinschaft mit ihrem ausgepr\u00e4gten RT-Ansatz ist nur f\u00fcr die Menschen attraktiv, die tats\u00e4chlich an ihrer Pers\u00f6nlichkeit arbeiten wollen. Insofern steht sie\u00a0 unter anderen Gemeinschaften mit politischer Ausrichtung ziemlich alleine da. Daf\u00fcr ist aber der Kontakt zu anderen RT- Gruppen\u00a0 durchaus vorhanden. Auch die Vernetzung mit anderen Gemeinschaften wird gef\u00f6rdert, zum einen durch gegenseitige Besuche und Hilfen, zum anderen durch ein internes\u00a0 Magazin\u00a0 das von vielen Gemeinschaften getragen und zur Diskussion und zum Austausch genutzt wird.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Verdana,Arial,Helvetica;\">In der Region haben sich ebenfalls viele Kontakte zu Einzelpersonen und Projekten ergeben.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Verdana,Arial,Helvetica;\">Die praktische Politik der Gruppe beschr\u00e4nkt sich im wesentlichen auf die oben genannten Bereiche. Ein wichtiger Bereich ist\u00a0 neben der \u00d6kologie aber\u00a0 noch die Frauenpolitik. So wird versucht die Gemeinschaft frauenfreundlich zu gestalten und ihren Anteil an den BewohnerInnen zu erh\u00f6hen. Die traditionell den Frauen zugewiesene Reproduktionsarbeit\u00a0 z.B. Waschen, Putzen und Kochen wird durch\u00a0 gemeinsame daf\u00fcr vorgesehene Tage gleichm\u00e4\u00dfiger verteilt.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Verdana,Arial,Helvetica;\">\u00d6kologisch gesehen f\u00e4llt das Gel\u00e4nde auf, das reich gegliedert und leicht verwildert ist und durchaus als \u00f6kologisch wertvoll einzustufen ist. Au\u00dferdem gibt es sowohl Komposthaufen als auch ein Kompostklo. Auch ein kleines Windrad steht auf einer Ecke des Gel\u00e4ndes, das allerdings aufgrund einer fehlenden elektronischen Steuerung noch nicht betriebsbereit ist.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Verdana,Arial,Helvetica;\">Auf einer Feldfl\u00e4che und einem gro\u00dfen Nutzgarten wird Gem\u00fcse angebaut. Es wird sowohl von der Gemeinschaft gegessen, als auch in Gem\u00fcsekisten an Direktbezieher in Berlin geliefert.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Verdana,Arial,Helvetica;\">Dadurch und durch die Herstellung von Apfelsaft und Apfelwein von der eigenen Obstwiese werden die Finanzen aufgebessert. Finanziell bringen auch ein Lieferwagenservice, Architektenarbeiten und Arbeiten in Jobs au\u00dferhalb\u00a0 etwas ein. Einige Menschen arbeiten nicht in ihren gelernten Berufen, auch die Arbeitsmoral ist nicht besonders rigide, obwohl es schon eine Kernarbeitszeit gibt, in der gearbeitet werden sollte. Bei den finanziellen Ausgaben geht es prinzipiell nach den Bed\u00fcrfnissen, wobei gr\u00f6\u00dfere Posten zusammen entschieden werden und aufgrund von knappen Finanzen, die vom Schatzmeister dann bekanntgegeben werden, eigene Beschr\u00e4nkung gefragt ist. Das Gel\u00e4nde wurde vor einigen Jahren mit Hilfe von Eigenmitteln und Darlehen gekauft.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Verdana,Arial,Helvetica;\">Christof Quack<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Besuch einer Kommune in Brandenburg Im letzten November fuhren wir, eine Gruppe von Interessierten aus Solingen und Wuppertal f\u00fcr ein Wochenende nach Feuerland.\u00a0<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[123],"tags":[143,78,142],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/tacheles-solingen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/635"}],"collection":[{"href":"http:\/\/tacheles-solingen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/tacheles-solingen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/tacheles-solingen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/tacheles-solingen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=635"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/tacheles-solingen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/635\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":636,"href":"http:\/\/tacheles-solingen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/635\/revisions\/636"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/tacheles-solingen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=635"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/tacheles-solingen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=635"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/tacheles-solingen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=635"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}