{"id":633,"date":"2016-06-27T18:01:25","date_gmt":"2016-06-27T18:01:25","guid":{"rendered":"http:\/\/tacheles-solingen.de\/?p=633"},"modified":"2016-06-27T18:01:25","modified_gmt":"2016-06-27T18:01:25","slug":"den-kopp-voll-nix-aber-davon-viel","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/tacheles-solingen.de\/?p=633","title":{"rendered":"Den Kopp voll Nix &#8211; aber davon viel"},"content":{"rendered":"<h1>Journalistische Lehrjahre in der Provinz<\/h1>\n<p><i><span style=\"font-family: Verdana,Arial,Helvetica;\">\u201eNe Kopp voll nix, nur die paar instinktive Tricks et duhrt lang, besste dich durchblicks\u201c<\/span><\/i><br \/>\n<i><span style=\"font-family: Verdana,Arial,Helvetica;\">(Wolfgang Nideckens BAP; Verdamp lang her\u201c EMI-Musikant, 1C 064-46438)<\/span><\/i><br \/>\n<!--more--><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Verdana,Arial,Helvetica;\">Jeder Journalist, der einigerma\u00dfen was auf sich h\u00e4lt, wei\u00df von pr\u00e4genden Ereignissen aus den Anf\u00e4ngen seiner Laufbahn zu berichten. Da hat dann ein legitimer Nachfahre Emile Zolas &#8211; manchmal tut\u00b4s auch Egon Erwin Kirsch &#8211; in einer Redaktionsstube in der Provinz gesessen und einigen Leuten kr\u00e4ftig ein\u00b4s eingeschenkt. Als Kontrahenten eignen sich insbesondere einflu\u00dfreiche Filzokraten aus der kommunalpolitischen Szene, denen man die Wirksamkeit der Waffen journalistischer Kritik nachhaltig zu demonstrieren wu\u00dfte. Solche Begebenheiten wollen mir partout nicht einfallen, wenn ich an jene beiden Jahre denke, die ich als Volont\u00e4r einer mittleren Tageszeitung zugebracht habe. Ich meine, ich habe mich auch nicht gerade zum Bierholen schicken lassen, aber spektakul\u00e4re Auseinandersetzungen, aus denen sich nachtr\u00e4glich ein paar an Herz &amp; Unterleib greifende gesellschaftskritische Anekdoten schlagen lie\u00dfen, die gab es einfach nicht.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Verdana,Arial,Helvetica;\">Was Wunder: Ich arbeitete in einer Zone geistiger Windstille. Alles das, was in den Jahren 1966 bis 1968 diese Republik bewegte, spielte sich au\u00dferhalb meiner Stadt ab. Es war die Zeit der Gro\u00dfen Koalition: Ein Polizist namens Kurras erscho\u00df den Studenten Benno Ohnesorg, ein gewisser Axel Caesar Springer wurde immer m\u00e4chtiger, es gab den studentischen Protest gegen den Krieg in Vietnam, das Attentat auf Rudi Dutschke &#8211; f\u00fcr mich waren das Agenturmeldungen, Funkbilder, Tagessschaufilme, Kommentare in der \u2018Frankfurter Rundschau\u2018 und Berichte in der \u201eZeit\u00b4, schlie\u00dflich ein rororo-Taschenbuch: \u201eWas wollen die Studenten?\u201c. Nicht, da\u00df die Nachrichten \u00fcber ferne Auseinandersetzungen mich nicht beunruhigt h\u00e4tten &#8211; ich f\u00fchlte mich durchaus als Sympathisant jener Leute, denen man (schon damals) die K\u00f6pfe blutig schlug &#8211; blo\u00df: die Frontlinie verlief woanders, ich war anpolitisiert, aber hilflos, konnte allenfalls moralische Verbindungslinien ziehen zwischen den studentischen Kampf und meiner t\u00e4glichen Arbeit. Und so fuhr ich denn am Karsamstag 1968 nach den Sch\u00fcssen auf Rudi Dutschke voll Wut und Trauer mit meiner damaligen Freundin, sp\u00e4teren Verlobten und nachmaligen Ex-Frau von Solingen nach K\u00f6ln, um an einer Demonstration gegen Springer und die Manipulationspraktiken seiner Zeitung teilzunehmen, den Rat eines verunsicherten \u00e4lteren Kollegen noch im Ohr, der gerade einen Anstellungsvertrag bei Springers \u2018Welt\u00b4 unterschrieben hatte: \u201eUm Gottes willen, demonstrieren Sie!\u201c Dazu war ich bereit, schon aus Gr\u00fcnden der journalistischen Ethik, aber knapp vorbei ist halt auch daneben; wir verpa\u00dften die Demo, weil wir den Sammelplatz nicht fanden. &#8211; Um beim Berufsethos der Journalisten zu bleiben: Da diese Gattung von Menschen professionell dazu verpflichtet ist, auch aus total vers\u00e4gten Situationen noch was Brauchbares zu machen, sind wir dann einfach ins Kino gegangen und haben uns \u201eEasy Rider\u201c angesehen &#8211; ein Verfahren, das politisch sicherlich anr\u00fcchig sein mag, von mir aber schon oft mit Erfolg praktiziert worden ist und sich zur Nachahmung durchaus empfiehlt.<\/span><\/p>\n<p><b><span style=\"font-family: Verdana,Arial,Helvetica;\">Exkurs \u00fcber die Provinz<\/span><\/b><b><\/b><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Verdana,Arial,Helvetica;\">Die Redakteure der Brokhaus-Enzyklop\u00e4die haben ihre Schwierigkeiten mit der Beschreibung der Realit\u00e4t. So behaupten sie in Bd. 15 ihres monumentalen Werkes unter dem Stichwort \u2018Provinz\u2018: \u201eIn der Bundesrepublik Deutschland gibt es in keinem Land mehr P. (&#8230;)\u201c. Staatsrechtlich mag das ja auch stimmen, aber was andere Konnotationen des Begriffs angeht, so k\u00f6nnte ich Ihnen einiges erz\u00e4hlen. Zum Beispiel \u00fcber Solingen. Das ist die Stadt, in der ich aufgewachsen bin, zur Schule ging, Foxtrott lernte (1963?), Abitur machte (1966!), ein Redaktionsvolontariat beim \u2018Solinger Tageblatt\u00b4 absolvierte (1966-68). Mal sehen, was mir dazu, neben dem \u201eBergischen Heimatlied\u201c (\u201eWo die W\u00e4lder noch rauschen &#8230;\u201c) einf\u00e4llt. Also: 174 000 Einwohner, aber keine richtige Gro\u00dfstadt &#8211; sehr fl\u00e4chig angelegt, weil aus f\u00fcnf urspr\u00fcnglich selbst\u00e4ndigen Gemeinden zusammengewachsen. Viel metallverarbeitende Industrie (Spezialit\u00e4t: Schneidwaren), aber kein industrieller vom Zuschnitt der St\u00e4dte\u00a0 an der Ruhr. Angesichts japanischer und italienischer Konkurrenz ist man hier seit geraumer Zeit \u00fcbrigens damit besch\u00e4ftigt vorzuf\u00fchren, was denn eigentlich eine Strukturkrise ist. Jede Menge M\u00e4nnergesangsvereine, aber nicht das, was man eine Kulturszene nennen k\u00f6nnte. Das Stadttheater registriert immer dann Besucherrekorde, wenn die \u201eCs\u00e1rda\u00b4sf\u00fcrstin\u201c gegeben wird. Au\u00dferdem hat es da 1. eine Innenstadt, deren pr\u00e4gende st\u00e4dtebauliche Akzente von Karstadt, Kaufhof und Sparkasse gesetzt wurden; 2. eine Fu\u00dfg\u00e4ngerzone, die der von Gie\u00dfen, Kassel oder Braunschweig fast bis auf die Waschbetonplatte gleicht; 3. eine gr\u00f6\u00dfenwahnsinnige Verkehrsplanung, die sich 1966 schon anschickte, jene wenigen Geb\u00e4ude im Stadtkern, die 1944 nicht von der Royal Air Force in Tr\u00fcmmer gelegt worden sind, unter nahezu einhelliger Zustimmung s\u00e4mtlicher Fraktionen des Kommunalparlaments zum Abri\u00df freizugeben. Ansonsten: Ein mehr als m\u00e4\u00dfiges Kinoprogramm, viele Heimatfeste (\u201eHahnek\u00f6pper\u201c) und \u00dcberreste einer traditionsreichen, k\u00e4mpferischen Arbeiterbewegung. Die \u2018Bergische Arbeiterstimme\u00b4 wurde in der \u201eJunius-Brosch\u00fcre\u201c \u00fcber \u201eDie Krise der Sozialdemokratie\u201c (1916) auch schon mal von Rosa Luxemburg zitiert, der kommunistische Meisterspion Richard Sorge war in den zwanziger Jahren Redakteur in Solingen, die KPD erzielte bis in die 50er Jahre Wahlrekorde.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Verdana,Arial,Helvetica;\">Schlie\u00dflich: Carl Friedrich Goerdeler, einer der deutschnationalen Widerstandsk\u00e4mpfer gegen Hitler, war von 1912 bis 1920 Beigeordneter in Solingen. Das sind halt die alten Geschichten, mit denen diese Stadt sich auch heute noch gerne schm\u00fcckt. Aber es geht ihr damit wie mit ihrem Stadtbild: Die Nivellierung auf bundesdeutsches Normalma\u00df ist nicht zu \u00fcbersehen. Aktuelle Lage: Einige wenige Scene-Kneipen (u. A. \u201eMumms\u201c auf der Mummstra\u00dfe) in denen ein paar Figuren aus der\u00a0 in Solingen\u00a0 verbliebenen Intelligenz seit 1968 erfolgreich bem\u00fcht sind, eben den Rest derselben zu versaufen, zwei Zeitungen (immerhin!) n\u00e4mlich das `Solinger Tageblatt\u00b4, bei dem ich zu fronen pflegte, und die wesentlich kleinere `Solinger Morgenpost\u00b4 &#8211; dies ein Ableger der urspr\u00fcnglich erzkatholischen `Rheinischen Post\u00b4 (\u201eChrist &amp; Geld\u201c) in D\u00fcsseldorf, die man in Solingen auch als \u201eRheinische Pest\u201c zu ironisieren gewohnt ist. Viel mehr gibt\u00b4s \u00fcber diese Stadt nicht zu berichten &#8211; 1968 war das auch nicht anders, blo\u00df das Bier im \u201eMumms\u201c war damals noch billiger und die KPD\/AO Kader hatten bis in die fr\u00fchen 70er Jahre noch ihren missionarischen Blick. Ja, so war das &#8211; nichts Besonderes, das Modell Deutschland seit nahezu 20 Jahren in der Nu\u00dfschale. Ein paar Figuren aus der Kommunalpolitik sind ausgewechselt worden, die CDU erfreut sich mittlerweile einer\u00a0 B\u00fcrgerblockkoalition mit der FDP &#8211; f\u00fcr die Journalisten am Ort hei\u00dft auch das: \u201eBusiness as usual.\u201c<\/span><\/p>\n<p><b><span style=\"font-family: Verdana,Arial,Helvetica;\">Wolfgang Stenke<\/span><\/b><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Journalistische Lehrjahre in der Provinz \u201eNe Kopp voll nix, nur die paar instinktive Tricks et duhrt lang, besste dich durchblicks\u201c (Wolfgang Nideckens BAP; Verdamp lang her\u201c EMI-Musikant, 1C 064-46438)<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[123],"tags":[140,139,5,141,108],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/tacheles-solingen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/633"}],"collection":[{"href":"http:\/\/tacheles-solingen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/tacheles-solingen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/tacheles-solingen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/tacheles-solingen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=633"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/tacheles-solingen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/633\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":634,"href":"http:\/\/tacheles-solingen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/633\/revisions\/634"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/tacheles-solingen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=633"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/tacheles-solingen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=633"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/tacheles-solingen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=633"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}