{"id":477,"date":"2016-06-22T10:19:43","date_gmt":"2016-06-22T10:19:43","guid":{"rendered":"http:\/\/tacheles-solingen.de\/?p=477"},"modified":"2017-06-21T18:54:30","modified_gmt":"2017-06-21T18:54:30","slug":"buddha-in-auschwitz","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/tacheles-solingen.de\/?p=477","title":{"rendered":"Buddha in Auschwitz"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"font-family: Verdana,Arial,Helvetica;\">\u201eMachmal habe ich in tiefer Meditation den Eindruck, das erschreckende Weinen einer katastrophalen Zukunft zu h\u00f6ren, das uns aufwecken und zu einem Kurswechsel bewegen m\u00f6chte. Es scheint fast zu sp\u00e4t zu sein, denn die Technik des Zerst\u00f6rens ist weit fortgeschritten und die Technik, Frieden zu schaffen, wenig entwickelt. <\/span><!--more--><span style=\"font-family: Verdana,Arial,Helvetica;\">Die Entfernung\u00a0 zwischen dem, was ist, und dem, was es zu verhindern gilt, ist zu weit. Wer kann seinen Alltag leben und angesichts eines solchen Drucks bewu\u00dft und achtsam bleiben?\u201c<\/span><br \/>\n<span style=\"font-family: Verdana,Arial,Helvetica;\">Reb Zalman Schachter-Shalomi<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Verdana,Arial,Helvetica;\">Im Arbeits- und Vernichtungslager Auschwitz kamen in den Jahren 1940-1945 etwa 1 Million Menschen ums Leben. Auschwitz war ab 1943 in drei Lager gegliedert: Auschwitz 1 mit durchschnittlich 18.000 H\u00e4ftlingen, Birkenau (Auschwitz 2) mit durchschnittlich 36.000 H\u00e4ftlingen und Monowitz (Auschwitz 3) mit durchschnittlich 15.000 H\u00e4ftlingen. Die meisten Menschen wurden direkt nach ihrer Ankunft mit dem Zug in die Gaskammern des Lagers Auschwitz-Birkenau getrieben und dort ermordet. Die anderen starben an den Folgen von medizinischen Experimenten, Unterern\u00e4hrung, unmenschlichen Arbeitsbedingungen, Krankheiten und Epedemien.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Verdana,Arial,Helvetica;\">Heute ist das Arbeits- und Vernichtungslager Auschwitz Museum und Gedenkst\u00e4tte. \u201eDas Lager, das auch die Ruinen der Krematorien und der Gaskammern umfa\u00dft, hat gro\u00dfe Bedeutung f\u00fcr das Verst\u00e4ndnis der Mechanismen des V\u00f6lkermordes. Das bekannteste Konzentrations- und Todeslager im besetzten Europa hat ebenfalls eine klare moralische Dimension: Es ist ein Ort des Nachdenkens, des Gebets und auch der Ort, an dem der Opfer ehrend gedacht wird, deren Asche hier verstreut ist. Auschwitz-Birkenau ist der gr\u00f6\u00dfte Friedhof der Welt\u201c, schreibt der Leiter der Gedenkst\u00e4tte, Waclaw Dlugoborski.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Verdana,Arial,Helvetica;\">Im Dezember 1994 wurde des 50. Jahrestages der Befreiung des Vernichtungslagers und der Befreiung der wenigen \u00dcberlebenden gedacht. Bei dieser Gelegenheit praktizierte der amerikanische Zen-Meister Bernhard Tetsugen Glassman Zazen*\u00a0 in den Ruinen von Birkenau und z\u00fcndete Kerzen vor der Erschie\u00dfungsmauer an. Dabei entschlo\u00df er sich, 1996 ein Retreat**\u00a0 in Auschwitz durchzuf\u00fchren.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Verdana,Arial,Helvetica;\">In der Zeit vom 24.-29.11.96 trafen sich etwa 150 Menschen, die sich j\u00fcdischer, buddhistischer, christlicher oder islamischer religi\u00f6ser Tradition verpflichtet f\u00fchlen, in der Gedenkst\u00e4tte Auschwitz. Gemeinsam war ihnen der Wunsch, sich f\u00fcr das Leid zu \u00f6ffnen, das in Auschwitz manifest wird; vor allem f\u00fcr das Leid der Ermordeten und das Leid ihrer \u00fcberlebenden Angeh\u00f6rigen, aber auch f\u00fcr das Leid der M\u00f6rder und ihrer Angeh\u00f6rigen.<\/span><br \/>\n<span style=\"font-family: Verdana,Arial,Helvetica;\">\u201eEinst suchte ich die Einsamkeit, distanzierte mich von menschlichem Kontakt und Einfluss, damit ich allein sein konnte mit Auschwitz. Heute aber hat sich Auschwitz vor jede Haust\u00fcr geschleppt. Wo immer Menschen sind, da ist Auschwitz\u201c, schreibt der ehemalige Auschwitz-H\u00e4ftling Ka-Tzetnik 135633 in seinem Buch \u2018Shivitti\u2019, einem Text, der dem Treffen zugrundelag.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Verdana,Arial,Helvetica;\">Jeden Morgen gingen die Teilnehmenden von Auschwitz 1 aus zu Fu\u00df drei Kilometer nach Birkenau. Auf der Selektionsrampe, auf der fr\u00fcher entschieden wurde, wer sofort in den Gaskammern ermordet und wer durch Arbeit ermordet werden sollte, wurde ein Dojo*** eingerichtet. In ihm fanden bei Temperaturen unter 0 Grad und teilweise leichtem Schneefall t\u00e4glich drei Meditationen statt. Es war jedoch keine stille Meditation. W\u00e4hrend des Sitzens verlasen die Teilnehmenden abwechselnd die Namen von insgesamt mehreren tausend Ermordeten. Namen von Menschen, deren Name vielleicht zum letzten Mal bei der Selektion oder beim Appell aufgerufen worden war, &#8211; nun jedoch in ehrendem Gedenken. Nur die letzte Phase des Zazen verlief schweigend.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Verdana,Arial,Helvetica;\">Zwischen den einzelnen Meditationen wurde gemeinsam das Kaddisch, das j\u00fcdische Totengedenken gebetet. Dar\u00fcberhinaus hielten die Mitglieder der verschiedenen religi\u00f6sen Traditionen eigene und gemeinsame Zeremonien ab.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Verdana,Arial,Helvetica;\">In der Offenheit f\u00fcr diesen Ort des Grauens, in der Rezitation der Namen von Ermordeten wurde f\u00fcr die Teilnehmenden das Leid konkret, sp\u00fcrbar, empfindbar. Verbindung zu eigenem Leid wurde hergestellt.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Verdana,Arial,Helvetica;\">Am fr\u00fchen Morgen, vor dem Gang nach Birkenau, gab es Gespr\u00e4che in kleinen Gruppen, am Abend Gespr\u00e4che im Plenum. Diese erlaubten es, den eigenen Gef\u00fchlen und Erfahrungen Ausdruck zu verleihen. Die M\u00f6glichkeit, \u00fcber das eigene Leid zu sprechen, z.B. das Leid, w\u00e4hrend des Faschismus Verwandte im Holocaust verloren zu haben, oder das Leid, Familienangeh\u00f6rige unter den M\u00f6rdern zu wissen, wurde von vielen Teilnehmenden als befreiend empfunden.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Verdana,Arial,Helvetica;\">So war Auschwitz nicht mehr nur ein Ort der Trauer, sondern zugleich auch ein Ort der Heilung.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Verdana,Arial,Helvetica;\">Heinz-J\u00fcrgen Metzger<\/span><br \/>\n<i><span style=\"font-family: Verdana,Arial,Helvetica;\">Heinz-J\u00fcrgen Metzger arbeitet als Studienrat an einem Remscheider Gymnasium. Als buddhistischer M\u00f6nch leitet er das Zen-Zentrum Solingen.<\/span><\/i><i><\/i><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Verdana,Arial,Helvetica;\">* Zazen: Sitzende Meditation des Zen-Buddhismus<\/span><br \/>\n<span style=\"font-family: Verdana,Arial,Helvetica;\">** Retreat: Mehrt\u00e4gige meditative \u00dcbungsperiode<\/span><br \/>\n<span style=\"font-family: Verdana,Arial,Helvetica;\">*** Dojo: Der Ort, an dem die Meditation des Zen (das Zazen) ge\u00fcbt wird<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eMachmal habe ich in tiefer Meditation den Eindruck, das erschreckende Weinen einer katastrophalen Zukunft zu h\u00f6ren, das uns aufwecken und zu einem Kurswechsel bewegen m\u00f6chte. 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