{"id":420,"date":"2016-06-22T06:30:21","date_gmt":"2016-06-22T06:30:21","guid":{"rendered":"http:\/\/tacheles-solingen.de\/?p=420"},"modified":"2016-06-22T06:30:52","modified_gmt":"2016-06-22T06:30:52","slug":"stellungnahme-der-buergermeisterin-j-freiwald","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/tacheles-solingen.de\/?p=420","title":{"rendered":"Stellungnahme der B\u00fcrgermeisterin J. Freiwald"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"font-family: Verdana,Arial,Helvetica;\">Am 24. Mai erreichte auch mich der offene Brief an alle im Rat vertretenen Parteien von der Lehrerschaft der Geschwister-Scholl-Schule. Sie appellieren an uns, gegen die Bauvergabe f\u00fcr den Erweiterungsbau ihrer Schule an Herrn Kissel zu stimmen. <\/span><!--more--><span style=\"font-family: Verdana,Arial,Helvetica;\">Lehrerinnen der Schule sprachen mich auch pers\u00f6nlich an und baten mich, eindeutig Stellung zu beziehen. Sie begr\u00fcndeten, da\u00df es f\u00fcr sie fast unm\u00f6glich sei, auf der einen Seite gegen Rassismus, Faschismus Unterricht zu gestalten und auf der anderen Seite widerspruchslos hinzunehmen, da\u00df jemand, der als Mitglied der Waffen-SS das 3. Reich mit garantiert hat, den Bauauftrag f\u00fcr die Erweiterung der Geschwister-Scholl-Schule erh\u00e4lt. Es ist schwer zu vermitteln, da\u00df das eine mit dem anderen nichts zu tun hat, besonders an Jugendliche. F\u00fcr sie ist der Bauunternehmer und die Privatperson ein und derselbe, denn er kann sich nicht leiblich teilen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Verdana,Arial,Helvetica;\">Oft h\u00f6re ich, da\u00df Menschen sagen, sie k\u00f6nnen es sich nicht leisten, zu dem zu stehen, was sie f\u00fcr wert und wichtig halten. Die Folge davon sind oft genug innere Spannungen unter denen der\/die Betroffene, aber auch alle anderen, leiden. Mir ist es wichtig, und dies vermittle ich auch in meiner Kinder- und Jugendsprechstunde, da\u00df Menschen Stellung beziehen und eine eigene Meinung entwickeln. Es ist ungeheuer schwierig, auch f\u00fcr mich, eindeutig zu sein, denn alles was geschieht ist so komplex, da\u00df jeder Gedanke einen Widerspruch beinhaltet.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Verdana,Arial,Helvetica;\">Nach dem entsetzlichen Brandanschlag vor drei Jahren befa\u00dften sich viele engagierte Kreise wiederum mit Herrn Kissel. Wir alle sp\u00fcrten, wieviel Macht das 3. Reich noch \u00fcber viele Menschen hat, weil die Saat aus dieser unheilvollen Zeit immer noch Fr\u00fcchte tr\u00e4gt. Ich kann dies nicht an der Person des Herrn Kissel allein festmachen. Die Leserbriefaktionen f\u00fcr Herrn Kissel, die Anfeindungen, denen Menschen ausgesetzt waren, die sich mit Herrn Kissel kritisch befa\u00dften, zeigten, wie wenig sich viele Menschen mit der Geschichte des 3. Reiches auseinandergesetzt haben und nicht nur aus Gleichg\u00fcltigkeit, sondern weil sie nationalsozialistisches Gedankengut heute noch bejahen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Verdana,Arial,Helvetica;\">Im Angesicht von Millionen Menschen, die einen systematisch in Konzentrationslagern ermordet, die anderen (auch deutsche Frauen und M\u00e4nner) bei Fliegerangriffen und auf Schlachtfeldern umgekommen, gibt es nichts, was uns erlaubt zu sagen, es war dennoch eine sch\u00f6ne Zeit. Eine eingeschworene Gemeinschaft wie in der Waffen-SS, in der Herr Kissel aktiv war, birgt gro\u00dfe Gefahren, deckt doch der eine den anderen, egal was er getan hat.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Verdana,Arial,Helvetica;\">Die Ausstellung in der Mildred-Scheel-Schule zum 3. Jahrestag des Brandanschlages\u00a0 mit dem Titel &#8222;Es ist ein Weinen in der Welt&#8220; hat mich sehr beeindruckt und mir zugleich Schmerzen bereitet. Was k\u00f6nnen wir Menschen Monster sein, da\u00df wir zu solchen Taten, wie sie im Namen des deutschen Volkes geschahen, f\u00e4hig waren?<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Verdana,Arial,Helvetica;\">Auch Leni Immer im &#8222;Talk \u00e0 la carte&#8220; in der Gemeinde Ruppelrath hat mir wieder Mut gemacht, couragiert gegen jede Form von Rassismus und Ausl\u00e4nderfeindlichkeit einzustehen. Ihr Vater, ein Elberfelder Pfarrer, geh\u00f6rte der bekennenden Kirche an. Sie, der Schulleiter, die Lehrerinnen und Lehrer, die Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler der Mildred-Scheel-Schule, Leni Immer und aktive Christen in der Gemeinde Ruppelrath haben Stellung bezogen. Mit den Menschen, die das Mahnmal schafften, die Erzieher und Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler der Jugendhilfewerkstatt und die, die sich in Ringen bekannten, f\u00fchle ich mich im wahrsten Sinne des Wortes verbunden, sowie mit all denen, die um Wahrheit ringen und auch dazu stehen, da\u00df sie dabei auch Fehler machen k\u00f6nnen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Verdana,Arial,Helvetica;\">Ich nehme das Verlangen der Lehrerschaft und der Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler der Geschwister-Scholl-Schule ernst, wenn sie erwarten, da\u00df Politik Stellung bezieht und wei\u00df dabei auch, wie schwierig dies ist. Herr Kissel mu\u00df sich gefallen lassen, da\u00df sich Menschen mit ihm auseinandersetzen und sich an ihm reiben, denn er erlaubt sich ja zu sagen und zu schreiben was er meint.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Verdana,Arial,Helvetica;\">Ich bin dankbar in einer Stadt zu leben, in denen sich Menschen kritisch mit Geschichte auseinandersetzen. Da\u00df sie daf\u00fcr auch Anfeindungen ausgesetzt sind, ist schlimm genug.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Verdana,Arial,Helvetica;\">Julia Freiwald, B\u00fcrgermeisterin<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 24. Mai erreichte auch mich der offene Brief an alle im Rat vertretenen Parteien von der Lehrerschaft der Geschwister-Scholl-Schule. 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