{"id":243,"date":"2016-06-18T15:05:45","date_gmt":"2016-06-18T15:05:45","guid":{"rendered":"http:\/\/tacheles-solingen.de\/?p=243"},"modified":"2016-06-18T15:10:33","modified_gmt":"2016-06-18T15:10:33","slug":"denn-man-geht-unmoeglich-mit-diesen-menschen-um","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/tacheles-solingen.de\/?p=243","title":{"rendered":"\u201eDenn man geht unm\u00f6glich mit diesen Menschen um&#8230;\u201d"},"content":{"rendered":"<h4>\u00a0Interview mit Fatima Hartmann von Rom e.V. K\u00f6ln<\/h4>\n<p><!--more--><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Verdana,Arial,Helvetica;\">Seit der Wiedervereinigung hat sich die Situation der Roma und Sinti in der BRD dramatisch\u00a0 verschlechtert\u00a0 Wieder\u00a0 wird\u00a0 in Deutschland mit den alten Vorurteilen Hatz auf Minderheiten, besonders auf Roma, gemacht. Politiker und Zeitungen verbreiten eine Hetze aus Halbwahrheiten und L\u00fcgen gegen Minderheiten. Trauriger H\u00f6hepunkt war die Quasi-Abschaffung des Asylrechts. Die Roma werden bis heute als Minderheit von der Bundesregierung nicht anerkannt. Somit wird auch die Existenz der Sprache der Roma, das Romanes, geleugnet und muttersprachlicher Unterricht verweigert. Keine bundesdeutsche Regierung hat bislang versucht, den V\u00f6lkermord an den Roma wiedergutzumachen. Asylsuchende Roma haben au\u00dferdem kaum eine Chance, langfristig in Deutschland zu leben. In dieser Situation sind Organisationen wie die Rom e.V. in K\u00f6ln von gro\u00dfer Bedeutung, da Roma keine Lobby besitzen. Der Verein, der sich aus Roma und Deutschen zusammensetzt, k\u00e4mpft auf politischem, sozialem und kulturellem Gebiet f\u00fcr ein menschenw\u00fcrdiges Leben der Roma in der Bundesrepublik. Das folgende Interview wurde mit <b>Fatima Hartmann<\/b>, der Vorsitzenden der Rom e.V. gef\u00fchrt.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Verdana,Arial,Helvetica;\"><strong>tacheles<\/strong>: Seit wann gibt es Rom e.V.?<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Verdana,Arial,Helvetica;\"><strong>Fatima<\/strong>: Die Rom e.V. besteht seit 8 Jahren. Zuvor waren wir eine Initiative, die sich aus Menschen zusammensetzte, deren Ziel es war, die Lage der Roma, die Zuflucht in K\u00f6ln vor B\u00fcrgerkrieg und Verfolgung in den osteurop\u00e4ischen Staaten suchten, zu verbessern. Die Romafl\u00fcchtlinge lebten n\u00e4mlich in erb\u00e4rmlichen Verh\u00e4ltnissen. Au\u00dferdem war die Stadt K\u00f6ln und der deutsche Staat nur darauf aus, diese Menschen abzuschieben. Neben der Versorgung mit Kleidung, Decken und Nahrungsmitteln ging es deshalb vor allem um die Verhinderung der Abschiebung dieser Menschen. So wachten wir bei den Romafamilien oftmals Tag und Nacht. Wir waren so etwas wie ein Schutz f\u00fcr diese Menschen, d.h. wenn die Polizei kam, waren wir vor Ort und verhinderten m\u00f6gliche Abschiebungen. Wir haben auch auf politischer Ebene immer wieder Demonstrationen organisiert und die Medien eingeschaltet. Durch Gespr\u00e4che mit der SPD, den Gr\u00fcnen und der Stadt K\u00f6ln haben wir schlie\u00dflich erreicht, da\u00df diese Romafamilien ein Bleiberecht bekamen. Damals entwickelten wir zudem ein Partnersystem, d.h. eine deutsche Familie solidarisiert sich mit einer Romafamilie und hilft ihr hier weiterzukommen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Verdana,Arial,Helvetica;\"><strong>tacheles<\/strong>: Was macht Rom e.V. sonst noch?<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Verdana,Arial,Helvetica;\"><strong>Fatima<\/strong>: Wir f\u00fchren eine w\u00f6chentliche Rechtsberatung durch und begleiten die Romas zu den Beh\u00f6rden. Denn man geht unm\u00f6glich mit diesen Menschen um. Weil sie Probleme mit der deutschen Sprache haben und sie oftmals nicht lesen und schreiben k\u00f6nnen, meinen einige Beamte, mit den Romas willk\u00fcrlich umgehen zu k\u00f6nnen. Als Organisation stehen wir jetzt hinter den Romas und k\u00f6nnen gegen den Beamten gegebenenfalls ein Disziplinarverfahren einleiten. Dar\u00fcberhinaus bieten wir Alphabetisierungskurse an. Diese Arbeit wird ehrenamtlich gemacht.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Verdana,Arial,Helvetica;\"><strong>tacheles<\/strong>: Worin liegt f\u00fcr Euch der Wert der Rechtsberatung?<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Verdana,Arial,Helvetica;\"><strong>Fatima<\/strong>: Roma werden als Asylbewerber in der BRD nicht anerkannt. Unsere Aufgabe liegt nun darin, m\u00f6gliche Abschiebungen mit allen zur Verf\u00fcgung stehenden juristischen Mitteln zu unterbinden. Ber\u00fchmt geworden ist der Fall Pamporowa. Hier wurde eine Romafrau abgeschoben, w\u00e4hrend ihre Familie in Deutschland zur\u00fcckblieb. Diese Frau haben wir dann wieder illegal nach Deutschland geholt und den Fall in den Medien bekannt gemacht. Das Erschreckende daran war, da\u00df die faschistische Deutsche Liga sich anma\u00dfte, den Rechtsstaat zu unterst\u00fctzen, indem sie ein Kopfgeld von 1.000 DM auf diese Frau aussetzte. Dieses Kopfgeld wurde dann von den Bundesfaschisten auf 10.000 DM erh\u00f6ht. Die Frau lebt mit ihrer Familie heute noch im Untergrund. F\u00fcnf weitere illegal in K\u00f6ln lebende Familien werden auch von uns betreut.<\/span><br \/>\n<span style=\"font-family: Verdana,Arial,Helvetica;\">Wir leisten au\u00dferdem kulturelle Arbeit, in der wir uns nach au\u00dfen hin vermitteln m\u00f6chten. Viele denken: ,,Lustig ist das Zigeunerleben&#8220;, Zigeuner wollen wandern usw. Dem ist aber nicht so. Ca. 90% unserer Menschen sind se\u00dfhaft, m\u00f6chten gerne arbeiten, m\u00f6chten gerne, da\u00df ihre Kinder zur Schuhe gehen. Wir versuchen, am Schicksal der Menschen zu zeigen, da\u00df wir doch ein anderes Leben m\u00f6chten als da\u00df, was sich die Nicht-Roma vorstellen. Zu diesem Zweck geben wir eine Zeitung heraus, halten Referate oder stellen uns durch Theater und Musik in der \u00d6ffentlichkeit dar.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Verdana,Arial,Helvetica;\">Ignaz Wrobel<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Verdana,Arial,Helvetica;\">Wer sind die Roma? &#8211; Heute leben in Europa zwischen 10 und 12 Millionen Roma. Die Roma stammen urspr\u00fcnglich aus Indien. Ihre Sprache, das Romanes, ist bis heute mit den indischen Sprachen &#8211; zum Beispiel Hindi und Panjabi &#8211; eng verwandt. Die Roma sind Nachfahren tausender Familien, die in Zusammenhang mit den islamischen Invasionen Indiens im fr\u00fchen Mittelalter aus ihrer Heimat verschleppt, schlie\u00dflich als Sklaven in das byzantinische Reich gebracht wurden. Einigen Gruppen gelang die Flucht bereits im 14. Jahrhundert. Sie hie\u00dfen sich in den verschiedenen L\u00e4ndern West- und Nordeuropas nieder. Ihre Nachfahren sind unter anderen die Cinti in Deutschland. Als Cinti bezeichnet sich also diejenige Gruppe unter den Roma, die bereits seit etwa 600 Jahren in Deutschland lebt. Andere Gruppen von Roma, wie die Klederascha und Lovara, kamen in den Westen nach der endg\u00fcltigen Abschaffung der Sklaverei im n\u00f6rdlichen Balkan, im Gebiet des heutigen Rum\u00e4niens, ab 1860. Die politischen und sozialen Probleme der Roma in den L\u00e4ndern S\u00fcdosteuropas gehen auf die Folgen der jahrhundertelangen Sklaverei zur\u00fcck. Die Lage der Roma ist also gewisserma\u00dfen mit der Geschichte und Situation der Schwarzen in den USA vergleich-bar. Im Westen Europas wurden Roma seit ihrer Ankunft als Fl\u00fcchtlinge von den Beh\u00f6rden und Institutionen der einzelnen Staaten verfolgt und vertrieben. Man hinderte sie immer daran, sich niederzulassen, erkl\u00e4rte sie dann zu \u201eNomaden\u201d, die angeblich ein \u201eWanderleben\u201d f\u00fchren. Im Nationalsozialismus wurden Roma und Cinti zur Ausrottung verdammt und &#8211; \u00e4hnlich wie die Juden &#8211; zu Hunderttausenden in Konzentrationslager deportiert. \u00dcber eine halbe Million Roma und Cinti wurden in den Lagern ermordet. Nach dem Krieg blieben viele heimatlos, rechtlos und staatenlos. Viele von ihnen und deren Nachfahren sind heute noch von einer Abschiebung bedroht. Quelle:<\/span><br \/>\n<span style=\"font-family: Verdana,Arial,Helvetica;\">VIA Magazin Nr.3 1994<\/span><\/p>\n<h4>Zur Gutscheinfrage<\/h4>\n<p><span style=\"font-family: Verdana,Arial,Helvetica;\">Eine kleine Erfolgsmeldung mit Wermutstropfen kann in der Gutscheinfrage berichtet werden: Im Juli beschlo\u00df der Sozialausschu\u00df endlich die diskriminierende Gutscheinpraxis in Solingen weitgehend abzuschaffen. Dieser Beschlu\u00df, ist ein Ergebnis der Proteste von Fl\u00fcchtlingsinitiativen. In dem von SPD und B\u00fcndnis 90\/Die Gr\u00fcnen beschlossenen Antrag wurde jedoch wieder eine Hintert\u00fcr eingebaut:<\/span><br \/>\n<span style=\"font-family: Verdana,Arial,Helvetica;\">Das Sozialamt interpretiert ihn so, da\u00df ihm gestattet sei, \u201ein den begr\u00fcndeten F\u00e4llen von der oben vorgegebenen Form der Hilfegew\u00e4hrung abzuweichen, also statt Geldleistungen Gutscheine zu gew\u00e4hren\u201d. Voraussetzung daf\u00fcr w\u00e4re, da\u00df die Asylbewerberlnnen in Privatunterk\u00fcnften oder in einem Haus heben, das nur von Menschen aus einer Nation bewohnt wird. Vorsicht R\u00fcckschlag: Die Bundesregierung will noch mehr an den Asylbewerberlnnen sparen. Sie beschlo\u00df am 24. Oktober 1995 eine \u00c4nderung des Asylbewerberleistungsgesetzes. Zum 1. Januar 1996 sollen alle Asylsuchenden und alle abgelehnten Asylbewerberlnnen, die aus humanit\u00e4ren Gr\u00fcnden nicht abgeschoben werden d\u00fcrfen, unbefristet bis zum Abschlu\u00df ihres Asylverfahrens eine K\u00fcrzung ihrer Sozialhilfe auf 80 Prozent erleiden. Diese reduzierte Sozialhilfe soll durchweg nicht bar, sondern nur noch in Form von Sachleistungen gew\u00e4hrt werden. In Ausnahmef\u00e4llen sollen die Fl\u00fcchtlinge Warengutscheine erhalten.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Verdana,Arial,Helvetica;\">Krabat<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Verdana,Arial,Helvetica;\">Kurz vor Redaktionsschlu\u00df erfuhren wir, da\u00df ein Asylbewerber, der in einer Privatwohnung bei seinem Vater lebt, auch im November weiterhin Gutscheine erh\u00e4lt. Es zeigt sich, da\u00df die Verwaltung jedes Schlupfloch nutzt, die diskriminierende Gutscheinregelung durch die Hintert\u00fcr wieder einzuf\u00fchren.<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00a0Interview mit Fatima Hartmann von Rom e.V. 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