{"id":1353,"date":"2018-04-18T14:53:07","date_gmt":"2018-04-18T14:53:07","guid":{"rendered":"http:\/\/tacheles-solingen.de\/?p=1353"},"modified":"2018-04-18T16:17:51","modified_gmt":"2018-04-18T16:17:51","slug":"interview-mit-norbert-schaefer-dem-leiter-der-jugend-und-drogenberatung-anonym","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/tacheles-solingen.de\/?p=1353","title":{"rendered":"Interview mit Norbert Sch\u00e4fer, dem Leiter der Jugend- und Drogenberatung Anonym"},"content":{"rendered":"<p><em>Was halten Sie von der Aufstockung des Ordnungsdienstes bei der Stadt um 15 Stellen?<\/em><br \/>\nEs geht nicht darum, die Aufstockung von Ordnungsamt\/Polizei zu verteufeln. Es ist aber ung\u00fcnstig, die Meldung \u00fcber die Verbesserung der Kooperation von Polizei und Ordnungsamt zugleich mit einer Absichtserkl\u00e4rung f\u00fcr ein Alkoholverbot zu verbinden.<!--more--><\/p>\n<p><em>Zurzeit wird ein Alkoholverbot in bestimmten Bereichen der Innenstadt wie der K\u00f6lner Stra\u00dfe, dem Neumarkt und dem S\u00fcdpark diskutiert.<\/em><br \/>\nBeschlie\u00dft man ein Alkoholverbot, dann muss man es auch durchsetzen. Sonst verliert man Glaubw\u00fcrdigkeit, dies gilt gerade f\u00fcr Jugendliche. Ein Alkoholverbot w\u00fcrde enorm viel Personal binden. Es findet eine Vertreibung statt \u0001 in andere Stadtteile, in weniger zentrale Bereiche, in denen gerade nicht der polizeiliche Schwerpunkt liegt. Wenn in der \u00d6ffentlichkeit konsumiert wird, k\u00f6nnen wir die Leute noch sehen. Wenn Alkoholvergiftungen eher versteckt passieren, sind sie noch gef\u00e4hrlicher.<\/p>\n<p><em>Wie soll man damit umgehen, wenn Alkoholtrinken auf der Stra\u00dfe \u0001 gekauft im Discounter oder im Kiosk \u0001 illegal ist, w\u00e4hrend es auf derselben Stra\u00dfe legal im Biergarten oder beim Statteilfest getrunken werden darf?<\/em><br \/>\nDas ist eine deutliche Situation von Doppelmoral. Au\u00dferdem ist ja schwierig zu unterscheiden, ob ein Vollrausch, mit all seinen ekligen Begleiterscheinungen erlaubt im Biergarten oder illegal am Kiosk erworben wurde. Wer soll das unterscheiden? Wieviel Personal brauchen wir daf\u00fcr?<\/p>\n<p><em>Bringen Verbote von Drogen viel?<\/em><br \/>\nDas kann man bei den illegalen Drogen sehen. Haschisch und Heroin sind verboten. Allgemein ist anerkannt, dass die Verbote nicht die gew\u00fcnschte Wirkung haben. Jetzt soll der Alkohol zur illegalen Droge in Teilen des Solinger Stadtgebietes werden. Um die Ecke herum wird versteckt getrunken, die Betroffenen werden an andere Orte gehen.<\/p>\n<p><em>Wie sch\u00e4tzen Sie diese Debatte ein?<\/em><br \/>\nZum dritten oder vierten Mal wird ein solches Verbot diskutiert. Das ist keine L\u00f6sung. F\u00fcr eine nachhaltige und effektive Drogenpolitik sollte man nicht nur reine Ordnungs- und Verbotsma\u00dfnahmen setzen, sondern auch auf sozialarbeiterische Intervention. Ich betone das auch. Das war erprobte Praxis in Solingen-Ohligs.<\/p>\n<p><em>Welche Arbeit machen Sie in Ohligs?<\/em><br \/>\nAuch in Ohligs gab es im \u00f6ffentlichen Raum \u00c4rger um Alkohol, Drogen, weggeworfene Spritzbestecke, P\u00f6beleien und Aggressionen. Prompt kam der Ruf: Die Stra\u00dfensatzung muss versch\u00e4rft werden! Der Sozialdezernent und wir waren uns einig: Es muss etwas getan werden, aber eben nicht einfach durch die Ausweitung von Verboten.<br \/>\nEs wurden Runde Tische mit allen Beteiligten organisiert: Gewerbetreibende, Polizei, Ordnungsamt, Politik, Verwaltung, Beratungsstellen, Junkies. Wir haben gemeinsam mit den Betroffenen das Thema bearbeitet \u0001 das war eine v\u00f6llig neue Qualit\u00e4t. Alle Beteiligten reden miteinander, nicht nur \u00fcbereinander. Die Abh\u00e4ngigen machten wirklich gute Vorschl\u00e4ge zur L\u00f6sung der Probleme. Als Beispiel: auf ihre Anregung hin wurden mehr M\u00fclleimer aufgestellt und das M\u00fcllproblem war gel\u00f6st, die Eimer wurden dann auch wirklich genutzt.<br \/>\nWenn man die Betroffenen beteiligt, sie ernst nimmt, sind sie bereit Verantwortung zu \u00fcbernehmen, auch f\u00fcr ihr eigenes Verhalten in der \u00d6ffentlichkeit. Dies gilt f\u00fcr viele Bereiche und f\u00fcr die Interessen Aller, die den \u00f6ffentlichen Raum nutzen.<br \/>\nInsgesamt war die R\u00fcckmeldung der Polizei positiv: Die Anzahl der Eins\u00e4tze ging zur\u00fcck. Das Aggressionspotential bei notwendigen Eins\u00e4tzen wurde deutlich geringer, weniger Beamte waren pro Einsatz notwendig. Es gibt die \u00bd Sozialarbeiterstelle f\u00fcr diese Arbeit auch heute noch, sie wird zum gr\u00f6\u00dften Teil finanziert von der Stadt-Sparkasse. In Ohligs ist die Faxe zweimal die Woche f\u00fcr 3\u00bd Stunden ge\u00f6ffnet. Dazu f\u00fchren wir zweimal die Woche 1 bis 1\u00bd Stunden Streetwork durch.<br \/>\nDie Situation in Ohligs ist relativ befriedet. Die Zusammenarbeit in Ohligs mit den Runden Tischen u.a. war erfolgreich. Es ist ein Erfolg des Komplettpakets. Das hat Personal gespart, auch bei den Ordnungskr\u00e4ften. Als weiteres Ergebnis gibt es u.a. viel weniger Spritzenfunde in Ohligs. Der Bremsheyplatz ist relativ befriedet, er hat seine Rolle als \u0002Angstraum\u0003 verloren. Es sind mehr Leute im Hilfesystem angekommen.<\/p>\n<p><em>Wie sieht die Zusammenarbeit der verschiedenen Institutionen stadtweit aus?<\/em><br \/>\nEs gibt eine Absprache zwischen der Jugend-und Drogenberatung anonym e. V. zur Kooperation mit dem Ordnungsamt, der Jugendgerichtshilfe, der Polizei und dem Jugendrichter zur Zuweisung auff\u00e4lliger Jugendlicher. Aber es kommen immer weniger bei uns an.<br \/>\nEs ist nicht sinnvoll, gemeinsame Streifeng\u00e4nge von Sozialarbeitern und Polizei durchzuf\u00fchren. Aber beide arbeiten am selben ordnungspolitischen Gegenstand, am Menschen, jeder mit seiner je eigenen Qualifikation und Aufgabe. Klare Absprachen untereinander und eine Zusammenarbeit sind sinnvoll.<br \/>\nEs ist gut und hilfreich, wenn auff\u00e4llige Jugendliche verst\u00e4rkt zur Jugendberatung geschickt werden. Hier werden sie spezifisch beraten und es wird ihnen geholfen. Es ist sinnvoll, wenn ein Sozialarbeiter\/eine Sozialarbeiterin mit einem Vierzehnj\u00e4hrigen, der in den letzten vier Wochen viermal volltrunken war, spricht. Dies ist ein Thema f\u00fcr die Erziehungsberatung und Suchtberatung. Die Sanktionierung von Straftaten ist dagegen Sache der Polizei. Es gibt ein Projekt zur Fr\u00fchintervention bei erstauff\u00e4lligen Drogen-und Alkoholkonsumenten (FRED). Dies Projekt setzt auf die Zusammenarbeit mit Justiz und Polizei, aber auch hier kriegen wir die Gruppen aktuell nicht voll.<\/p>\n<p><em>H\u00f6ren die Menschen bei einem Alkoholverbot in bestimmten Bereichen auf zu trinken?<\/em><br \/>\nDas glaube ich nicht. Ob Drogen verboten sind oder nicht, \u00e4ndert nichts an der Verbreitung von Drogen. Dies ist keine Privatmeinung, ernsthafte Untersuchungen weltweit belegen dies.<\/p>\n<p><em>Welche Ans\u00e4tze halten Sie f\u00fcr sinnvoll f\u00fcr die Innenstadt?<\/em><br \/>\nNat\u00fcrlich sind uniformierte Kr\u00e4fte notwendig, wahrscheinlich brauchen wir sogar mehr, aber Sozialarbeiter sind ebenfalls wichtig. Unsere Streetworker gehen in die Szene auch mit dem Ziel, verhaltensmoderierend t\u00e4tig zu sein.<br \/>\nAu\u00dferdem f\u00f6rdern wir die Bereitschaft zur Teilhabe der Szene an \u00f6ffentlichen Planungsprozessen. F\u00fcr den M\u00fchlenhof hat die Szene sogar eine Art Planungsausschuss gebildet und einen Sprecher gew\u00e4hlt, um gemeinsam mit allen Beteiligten einen Ort so zu gestalten, dass er f\u00fcr alle akzeptabel ist. Leider wurde dieses Projekt trotz allseitiger politischer Unterst\u00fctzung bisher nicht umgesetzt.<br \/>\nIn der Innenstadt gibt es zurzeit ein Angebot von der Jugend- und Drogenberatung anonym in den R\u00e4umen der Caritas einmal die Woche freitags f\u00fcr 2\u00bd Stunden. Dazu kommen 1\u00bd Stunden Streetwork pro Woche.<br \/>\nEs w\u00e4re gut, wenn die Stadt bewohnbar bleibt, ohne dass an jeder Ecke ein Ordnungsh\u00fcter notwendig ist. Nichts gegen mehr Polizeipr\u00e4senz, die Zusammenarbeit ist wichtig. Die Hoffnung ausschlie\u00dflich auf ein Alkoholverbot zu setzen ist zu hoch, wahrscheinlich auch viel zu teuer und nach allen Erfahr-ungen wenig nachhaltig. Auf dem, das ordnungspolitisch wirksam ist, muss nicht immer nur Ordnungspolitik draufstehen. Die Debatte ist in der Gefahr, hinter einen Stand zur\u00fcckgefallen, den wir schon erreicht hatten.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Das Interview f\u00fchrte Dietmar Gaida<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Was halten Sie von der Aufstockung des Ordnungsdienstes bei der Stadt um 15 Stellen? Es geht nicht darum, die Aufstockung von Ordnungsamt\/Polizei zu verteufeln. 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