{"id":1216,"date":"2017-06-21T17:57:50","date_gmt":"2017-06-21T17:57:50","guid":{"rendered":"http:\/\/tacheles-solingen.de\/?p=1216"},"modified":"2017-06-21T17:57:50","modified_gmt":"2017-06-21T17:57:50","slug":"kommune-lutter-am-barenberge","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/tacheles-solingen.de\/?p=1216","title":{"rendered":"Kommune Lutter am Barenberge"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: center;\"><strong><em>SCHWUPS and friends meet<\/em><\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><strong>Die Reise in den hohen Norden&#8230;.<\/strong><\/p>\n<p>Auf der Suche nach einer alternativen Lebensform jenseits von Individualismus, Arbeitswahn und Patriachat und der allgemeinen Perspektiv-losigkeit des gegenw\u00e4rtigen Kapitalismus entschlossen sich Ende Januar Mitglieder von &#8222;SCHWUPS&#8220; (Wuppertaler BUKO-Gruppe Weltwirtschaft und Politisierung der Subsistenz) und Leute aus dem befreundeten Umfeld zu einem Besuch der Burg Lutter.<!--more--><\/p>\n<p>Die Kommune Lutter, das sind derzeit 10 Erwachsene (4 Frauen und 6 M\u00e4nner) und 4 Kinder, die in einer mittelalterlichen Burganlage aus dem 12. Jhd. versuchen, herrschaftsfrei miteinander zu leben und zu arbeiten.<\/p>\n<p>Das Projekt ist 1981 aus der Initiative einer Braunschweiger Uni-Gruppe entstanden.<\/p>\n<p>Mittlerweile ist der Kaufpreis von 400.000 DM abbezahlt, so da\u00df die Kommune heute relativ schuldenfrei ist. Die Burganlage soll ein Ort sein f\u00fcr Experimente bzw. f\u00fcr die Entfaltung einer alternativen Lebensweise, die soweit wie m\u00f6glich ohne hierarchische Strukturen, Unterdr\u00fcckung und Ausbeutung auskommt. Bedingung f\u00fcr die M\u00f6glichkeit, alternative Formen des Zusammenlebens auszuprobieren, ist f\u00fcr die Kommunnardlnnen u.a. die Ver\u00e4nderung der sozialisierten Verhaltensweisen, die Entwicklung von gruppendynamischen Konfliktl\u00f6sungsmodellen, die Abschaffung des pers\u00f6nlichen Eigentums und ein anderes \u00d6kologiebewu\u00dftsein.<\/p>\n<p>Die Lutter-Gruppe finanziert sich u.a. mit einer Architekturwerkstatt und einer Tischlerei, wo ausgew\u00e4hlte Auftr\u00e4ge von au\u00dfen erledigt werden, und dem Seminar- und Ferienhaus, in dem f\u00fcr 38 Leute Platz ist. Auf Staatsknete wird auch wegen der damit verbundenen Abh\u00e4ngigkeiten konsequent verzichtet. Zur Selbstversorgung gibt es G\u00e4rten, einige Tiere und eine eigene Backstube<\/p>\n<p>Jede Art von Arbeit in der Kommune ist gleichwertig und gleichbedeutend. Es gibt viele M\u00f6glichkeiten, sich ohne Vorkenntnisse in verschiedenen praktischen Bereichen auszuprobieren, d.h. man\/frau kann sich t\u00e4glich aufs Neue f\u00fcr eines der diversen handwerklichen T\u00e4tigkeitsfelder entscheiden.Wenn dringende Arbeiten l\u00e4ngere Zeit unerledigt bleiben, werden sie zur Gemeinschaftsaktion erkl\u00e4rt, an der sich dann alle Kommunardlnnen beteiligen.<\/p>\n<p>Einmal w\u00f6chentlich ist Plenum, hier wird der Alltag koordiniert, Beziehungsprobleme werden diskutiert und pers\u00f6nliche Anliegen eingebracht.<br \/>\nDas derzeit vordringliche Thema ist die Frage, warum sich nicht mehr Frauen dazu entscheiden k\u00f6nnen, nach Lutter zu kommen, zumal ein separates FrauerVLesbenhaus gebaut worden ist, so da\u00df f\u00fcr Frauen die gew\u00fcnschte Distanz zu den M\u00e4nnern der Kommune m\u00f6glich ist.<\/p>\n<p>So haben die Kommunardlnnen einen rigorosen \u201eM\u00e4nnerstop&#8220; verh\u00e4ngt, d.h. f\u00fcr den Neueinstiegsind erstmal ausschlie\u00dflich Frauen willkommen. Der M\u00e4nnerstop ist in der Kommune ein umstrittenes Thema. Auch die hochmotivierten m\u00e4nnlichen Mitreisenden aus unserer Gruppe fanden diese Regelung ziemlich schade.<br \/>\nSchlie\u00dflich haben wir uns gefragt, was eigentlich dahinter steckt, da\u00df Frauen ein solches Leben f\u00fcr sich ablehnen.<\/p>\n<p>Uns hat vor allem interessiert, inwiefern Arbeitsteilung mit anderen Kommunen stattfindet und ob es konkrete Kontakte auch zu st\u00e4dtischen Projekten gibt Au\u00dferdem wollten wir \u00fcber ihre Vorstellungen von Herrschaftsfreiheit und dem Verst\u00e4ndnis von Dissidenz wissen, das den Kommuneaktivit\u00e4ten zugrundeliegt.<\/p>\n<p>Die Arbeit auf der Burg basiert nach M\u00f6glichkeit auf Tausch mit anderen Projekten, au\u00dferdem dienen die \u00dcberbleibsel unserer Wegwerfgesellschaft der Kommune zum Teil als Baumaterial.<br \/>\nMit einem Projekt in Hamburg werden B\u00fccher gegen Kleidung getauscht, das Getreide kommt auch aus einem anderen Projekt und f\u00fcr die Kommune \u201eFeuerland&#8220; hat die Luttergruppe Fenster gebaut.<\/p>\n<p>Herrschaftsfreiheit bedeutet f\u00fcr die Kommunardlnnen zun\u00e4chst mal Selbstbestimmung bzw. die M\u00f6glichkeit, \u00fcber das eigene Leben frei zu entscheiden.<\/p>\n<p>\u00d6ffentlichkeitsarbeit ist der Kommune sehr wichtig, es gibt das ganze Jahr \u00fcber viele interessierte Besucherinnen auf der Burg. Einmal im Jahr kommen dort gleichgesinnte Kommunardlnnen aus ganz Deutschland zu einem Treffen zusammen, au\u00dferdem findet j\u00e4hrlich eine Kommuneinfotour durch einige Gro\u00dfst\u00e4dte statt<\/p>\n<p><strong>Was wir f\u00fcr uns herausfinden wollten&#8230;<\/strong><\/p>\n<p>Wir wollten f\u00fcr uns der Frage n\u00e4her kommen, ob es ein st\u00e4dtisches Pendant zu einer Landkommune wie Lutter geben kann und wie eine \u00fcber die Form der Wohngemeinschaft hinausgehende kollektive Lebensform in der Stadt aussehen k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Auf der Suche nach Anregungen f\u00fcr ein eigenes Stadtprojekt, wollten wir herausfinden, was von dieser alternativen Lebensform verallgemeinerbar bzw. auf st\u00e4dtische Verh\u00e4ltnisse \u00fcbertragbar ist und unseren W\u00fcnschen entsprechen w\u00fcrde. Au\u00dferdem haben wir uns auch gefragt, wo wir Schwierigkeiten des Kollektivs sehen: was w\u00fcrden wir anders machen, inwiefern unterscheidet sich unsere Vorstellung von gelebter Systemopposition von der Praxis in linken Projekten?<\/p>\n<p>Wenn wir neben unserer Systemkritik auch unsere Lebensl\u00e4ufe ernst nehmen, hei\u00dft das zun\u00e4chst mal, da\u00df die meisten von uns kaum handwerkliche bzw. landwirtschaftliche F\u00e4higkeiten und Ambitionen haben, die aber dort wie auch in vielen anderen Projekten im Vordergrund stehen.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" class=\"aligncenter size-full wp-image-1188\" src=\"http:\/\/tacheles-solingen.de\/wp-content\/uploads\/2017\/06\/03-16.jpg\" alt=\"\" width=\"356\" height=\"435\" srcset=\"http:\/\/tacheles-solingen.de\/wp-content\/uploads\/2017\/06\/03-16.jpg 356w, http:\/\/tacheles-solingen.de\/wp-content\/uploads\/2017\/06\/03-16-246x300.jpg 246w\" sizes=\"(max-width: 356px) 100vw, 356px\" \/><\/p>\n<p>F\u00fcr Leute aus der Stadt w\u00e4re es wahrscheinlich erst einmal abwegig, wenn sie &#8211; wom\u00f6glich noch ausgestattet mit der in der linken Projektszene vielbel\u00e4chellen, theoretisch-akademischen Vorbildung &#8211; sich pl\u00f6tzlich der sogenannten eigentlichen \u201ePraxis&#8220;, sprich dem handfesten Handwerk oder der b\u00e4uerlichen Subsistenzwirtschaft zuwenden w\u00fcrden.<\/p>\n<p>Au\u00dferdem scheint es in bezug auf Arbeit eine in der linken Projektszene vielverbreitete Romanti-sierung zu geben, die irgendetwas substantiell Unentfremdetes haupts\u00e4chlich b\u00e4uerlichen und handwerklichen Arbeiten zuschreibt, damit ein-<br \/>\nher geht die Abwertung anderer Interessen und F\u00e4higkeiten.<\/p>\n<p><strong>Was wir schade fanden&#8230;<\/strong><\/p>\n<p>Der Alltag besteht viele Jahre nach der Gr\u00fcndung immer noch aus \u00fcberdurchschnittlich viel Arbeit, deren Ende kaum abzusehen ist. Dieser t\u00e4gliche Kampf ums \u00dcberleben &#8211; alle Energie mu\u00df daf\u00fcr eingesetzt werden, das die Gem\u00e4uer weiterhin stehen und etwas zu essen auf den Tisch kommt &#8211; scheint kaum Zeit f\u00fcr was anderes zu lassen.<\/p>\n<p>Wir fragten uns inwieweit das Recht auf Faulheit oder die Besch\u00e4ftigung mit theoretischen Dingen als gleichberechtigte Bet\u00e4tigungsfelder in solch einem Projekt m\u00f6glich ist.<\/p>\n<p>In der Tat wird in vielen Projekten mit antikapitalistischem Anspruch der kapitalistische Arbeitsethos weitergepflegt, k\u00f6rperliche Arbeit steht im Mittelpunkt des Lebens, wenn das auch viel mit materiellen N\u00f6ten und Sachzw\u00e4ngen zu tun hat, die mit einer gegen die gesellschaftliche Norm gerichteten Lebensweise verbunden sind. Im Bezug auf die gesellschaftsperspektivische Relevanz scheint dies ein Dilemma von alternativen, systemoppositonellen Projekten wie Lutter zu sein.<\/p>\n<p>Wir haben uns dann auch gefragt, was eigentlich das \u201eAndere&#8220; bzw. das Mehr an Freiheit einer solchen systemoppositionellen Lebensform ausmacht, wenn &#8211; genau wie im Kapitalismus auch &#8211; der Alltag von zuviel Arbeit und relativer Be-ziehungslosigkeit gepr\u00e4gt ist.<br \/>\nEs liegt an uns, kreativ zu sein und etwas Eigenes entsprechend unserer st\u00e4dtischen Biographie aufzubauen, denn das Bestehende kritisieren kann schlie\u00dflich jede\/r.<\/p>\n<p><strong>Was wir toll fanden&#8230;<\/strong><\/p>\n<p>Die Reise und das Projekt \u00fcberhaupt: die Offenheit der Leute, deren Umgang miteinander, die anarchistische Grundhaltung, die M\u00f6glichkeit der freien Zeiteinteilung, die per\u00f6nliche Auswahl der Arbeitsfelder, das Konsensprinzip, die Power die r\u00fcberkam und deren Wirkung auf uns, wie wir empfangen worden sind, die endlose Geduld der Kommunardlnnen in bezug auf die wahrscheinlich immer gleichen neugierigen Fragen der Besucherinnen.u.v.m&#8230;.<\/p>\n<p>In der Tat: der Ausflug hat uns ziemlich inspiriert und dazu motiviert an unseren eigenen Hoffnungen und Ideen in dieser Richtung dranzubleiben.<\/p>\n<p><strong>Was tun?<\/strong><\/p>\n<p>Es tut not, der sich ausbreitenden Individualisierung und Verelendung in den St\u00e4dten etwas entgegenzusetzen, die psycho-soziale Verwahrlosung ist kein Randph\u00e4nomen mehr, sie ist verborgenes \u201eAllgemeingut&#8220; hinter den T\u00fcren der vielen Singlehaushalte und familialen Gewaltverh\u00e4ltnisse.<\/p>\n<p>In der Stadt \u00fcber Lebensraum zu verf\u00fcgen, w\u00fcrde hei\u00dfen, Raum und Zeit zu schaffen f\u00fcr eine offene kollektive Lebensform, in der etwas ganz<br \/>\nanderes sichtbar gelebt werden kann als die allgemeine Verwirrung und K\u00e4lte der sozialen Bez\u00fcge.<\/p>\n<p>Weil die Menschen \u00fcberhaupt nicht mehr wissen, wie man\/frau sich zueinander in Beziehung setzt und sie es verlernt haben, miteinander umzugehen bzw. in Kontakt zu treten, w\u00e4re es sch\u00f6n, Strukturen zu haben, in denen verbindliche Beziehungen wachsen k\u00f6nnen, die echte Begegnungen und emotionale N\u00e4he bef\u00f6rdern. Dies l\u00e4\u00dft sich selbstverst\u00e4ndlich nicht allein an \u00e4u\u00dferen Bedingungen festmachen, sondern ist ein Vorgang der Heilung von psychischem Schaden, den man\/frau in unserem kapitalistischen System nimmt, und der Wiedergewinnung unserer psychischen und physischen Integrit\u00e4t.<\/p>\n<p>In bezug auf die Frage der materiellen Sicherung der Lebensgrundlage ist Kreativit\u00e4t gefragt, zumal wir immer weniger auf die offiziellen Systeme der sozialen Sicherung setzen wollen und k\u00f6nnen und es zumindest langfristig \u00fcberlebensnotwendig wird, sich von den Abh\u00e4ngigkeiten des kapitalistischen Systems zu befreien. Unsere Vorstellungen sind da noch sehr vage bzw. kn\u00fcpfen an das an, was sich in der Szene schon lange bew\u00e4hrt: Stichworte dazu sind: Food coops, Kinderl\u00e4den, Tauschb\u00f6rsen etc. Jedenfalls hat der Trip nach Lutter uns klar vor Augen gef\u00fchrt, da\u00df es sich lohnt, die Hoffnung auf ein lebenswerteres Dasein nicht aufzugeben und weiter mit Energie nach einer alternativen Lebensform jenseits des Systems zu suchen.<\/p>\n<p><em>Kontakt: Monika Sch\u00e4fer Tel. 0202\/402694<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>SCHWUPS and friends meet Die Reise in den hohen Norden&#8230;. 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