{"id":1196,"date":"2017-06-21T14:43:47","date_gmt":"2017-06-21T14:43:47","guid":{"rendered":"http:\/\/tacheles-solingen.de\/?p=1196"},"modified":"2017-06-21T14:43:47","modified_gmt":"2017-06-21T14:43:47","slug":"dokumentation-verschriftlichung-verschiedener-berichte-der-fluechtlinge-hafenstrabeluebeck","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/tacheles-solingen.de\/?p=1196","title":{"rendered":"Dokumentation: Verschriftlichung verschiedener Berichte der Fl\u00fcchtlinge, HafenstraBe\/L\u00fcbeck"},"content":{"rendered":"<p>Nach Wochen der Trauer wenden wir uns an die \u00d6ffentlichkeit. Nicht genug, da\u00df wir 10 Menschen aus unserer Mitte verloren haben. Wir werden weiter gequ\u00e4lt. Die Presse ist \u00fcber uns hergefallen. Wir selber sollen den Brand gelegt haben. Unser Freund, Bruder und Sohn Safwan soll der T\u00e4ter sein. Aber die wirklichen T\u00e4ter laufen frei herum und werden nicht weiter verfolgt.<!--more--><\/p>\n<p>Wir haben in der Hafcnstra\u00dfe jahrelang zusamroen gelebt wie \u00abine gro\u00dfe Familie. Unsere Kinder haben \u00fcberall im Haas miteinander gespielt &#8211; egal, ob sie schwarz oder braun oder wei\u00df waren. Wir haben uns sehr gut verstanden. Jetzt behaupten die Medien einen b\u00f6sen Streit zwischen Arabern und Afrikanern. Diesen Streit gibt es nicht. Wir haben in Frieden und Freundschaft zusammengelebt &#8211; wir Fl\u00fcchtlinge aus Angola, aus dem Libanon, aus Syrien, aus Togo, aus Zaire. Es wird ihnen nicht gelingen, uns zu spalten.<\/p>\n<p>Der Brandanschlag vom 18. Januar war nicht der erste Angriff auf uns. Bereits im Juni letzten Jahres wurde im Eingang des Hauses eine stark riechende, brennbare Fl\u00fcssigkeit ausgesch\u00fcttet. Es ist damals nichts weiter passiert. In der Nacht zum 18. Januar hsben einige von uns deutlich geh\u00f6rt, wie eine Scheibe eingeschJagen wurde. Kurz darauf stand das ganze Haus in Flammen. Viele von uns sind aus dem Fenster gesprungen. Der Polizei haben wir gesagt, wo die meisten Menschen im Haus sind. Sie hat uus nicht geholfen. Sie hat uns daran gehindert, unsere Familien zu retten. Sic bat zugeschaut, bis die Feuerwehr kam.<\/p>\n<div id=\"attachment_1175\" style=\"width: 391px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-1175\" loading=\"lazy\" class=\"wp-image-1175 size-full\" src=\"http:\/\/tacheles-solingen.de\/wp-content\/uploads\/2017\/06\/03-05.jpg\" alt=\"\" width=\"381\" height=\"205\" srcset=\"http:\/\/tacheles-solingen.de\/wp-content\/uploads\/2017\/06\/03-05.jpg 381w, http:\/\/tacheles-solingen.de\/wp-content\/uploads\/2017\/06\/03-05-300x161.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 381px) 100vw, 381px\" \/><p id=\"caption-attachment-1175\" class=\"wp-caption-text\">Wir, die \u00dcberlebenden des Brandanschlags vom 18.01.1996, melden uns zu Wort<\/p><\/div>\n<p>Mit schlimmen Knochcnbr\u00fcchen, Brandverletzungen und Rauchvergiftungen sind wir in die Krankenh\u00e4user gebracht worden. Viele von uns waren und sind sehr schwer verletzt. Das hat die Polizei nicht interessiert. Noch in der Tatnacht haben sie uns langen und qu\u00e4lenden Verh\u00f6ren ausgesetzt. Wir werden verd\u00e4chtigt, selbst Schuld zu sein. Wir sind behandelt worden wie die T\u00e4ter, wie Verbrecher. Sie haben keine R\u00fccksicht genommen auf unsere Trauer um die Menschen, die wir verloren haben.<\/p>\n<p>Zuerst wurden wir f\u00fcr dumm und primitiv gehalten. Wir sollen Feuer in den Wohnungen gemacht haben; wir sollen mit Benzin gehandelt haben; wir sollen an der elektrischen Anlage herumgespielt haben und so weiter. Das ist alles nicht wahr. Wir sind nicht dumm. Dann haben sie versucht, die T\u00e4ccr unter uns zu finden, George haben sie verd\u00e4chtigt, Rabi und Silvio. Rabi und Silvio sind beide tot &#8211; sie waren unsere Freunde. Und dann haben sie Safoan fcstgenommen. Er soll einen Streit mit Gustave gehabt haben. Dann soll er aus Rache das Haus angesteckt haben, in dem seine eigene Familie lebt und er selbst geschlafen hat.<\/p>\n<p>Gustave und alle anderer, haben vor der Polizei, vor der Presse und im Fernsehen gesagt, da\u00df es zwischen ihnen keinen Streit gegeben hat. Es gab keine Pr\u00fcgelei, und es gab keinen Streit um eine Frau und keine Eifersucht. Wir wissen alle: Safoan kann nicht der T\u00e4ter gewesen sein. Und niemand anderes aus dem Haus war es. Safoan hat mit seinen Br\u00fcdern im IV. Stock der Hafenstra\u00dfe geschlafen, bis er von Rufen der Nachbarin geweckt wurde. Als er die T\u00fcr \u00f6ffnete, schlugen ihm die Flammen und der Rauch entgegen. Safoan hat sofort damit begonnen, andere Menschen aus dem Haus zu retten. Er wurde dabei selbst vom Feuer verletzt.<\/p>\n<p>Drei deutsche Jungen sind nur wenige Stunden vernommen worden. Sic kamen nicht in Untersuchungshaft. Sic sind nach weniger als 48 Stunden freigelassen worden. Ihre Namen wurden gcsch\u00fctzt. Safoans Name und sein Bild ging durch die Presse. Sie haben ihn schon verurteilt, bevor noch die Anklage erhoben ist. Safoan hat es nicht getan. Er mu\u00df im Gef\u00e4ngnis bleiben, weil kein Deutscher der T\u00e4ter sein soll. 38 Zeugen, die alle dasselbe sagen: Safoan ist nicht der T\u00e4ter, wird nicht geglaubt. Aber einem einzigen deutschen Feuerwehrmann wird geglaubt. Das Wort der Ausl\u00e4nder ist nichts wert.<\/p>\n<p>Der Feuerwehrmann sagt nicht die Wahrheit. Er hat seine Aussage erst gemacht, als eine Belohnung f\u00fcr die Ergreifung derT\u00e4ter ausgestellt war. Warum hat er sich nicht direkt an die Polizei gewandt, die im selben Fahrzeug sa\u00df, als Safoan mit ihm gesprochen bat? Bis heute versucht die Polizei, Zeugen zu finden, die ihn belasten. Immer wieder werden wir aufgefordert, doch zu sagen, da\u00df er es war. Kinder werden bis zu 5 Stundet ohne ihre Eltern und ohne einen Anwalt verh\u00f6rt. Die Polizei sagt ihnen: Du kennst doch den T\u00e4ten Safoan! Erz\u00e4hl \u00fcber ihn, was wei\u00dft Du \u00fcber ihn!?<\/p>\n<p>Um uns zu beleidigen und uns in der \u00d6ffentlichkeit schlecht zu machen, denken sie sich die sch\u00e4bigsten Geschichten aus. Wir sollen unsere Kinder verpr\u00fcgelt haben. Wir sollen Porno-Filme mit unseren Kindern gedreht haben. Wir sollen Safoan gesch\u00fctzt haben, weil wir angeblich was zu verbergen haben. Sie wollen uns unglaubw\u00fcrdig machen und gegeneinander aufhetzen. Fs wird ihnen nicht gelingen. Jetzt drohen sie uns mit Abschiebung: Der Brandanschlag soll mit unserer Asylbewerbung nichts zu tun haben. Sie wollen l\u00e4stige Zeugen loswerden.<\/p>\n<p>Nach dem Brand sind jedem von uns 1.000,\u2014 DM zugesagt worden, um uns das N\u00f6tigste zu kaufen. Wir haben ja alles in den Flammen verloren. Nur unsere Kassetten hat die Feuerwehr gerettet. Sie sind von der Polizei beschlagnahmt worden, weil sie belastendes Beweismaterial auf ihnen vermutet hat. 800,\u2014 DM sind uns schlie\u00dflich gezahlt worden. Wir sind nicht dankbar f\u00fcr diese Unterst\u00fctzung: die Stadt will uns ihr scblechtes Gewissen abkaufen. Uns sind Wohnungen zugesagt worden. Es wird bebauptet, alle h\u00e4tten eine Woche nach dem Brandanschlag eine Wohnung erhalten. Auch das ist nicht wahr. Einige von uns laben noch heute in der Kaserne. Wir wollen etwas anderes:<\/p>\n<p><em>Wir wollen einen unbefristeten und gesicherten Aufenthalt.<\/em><\/p>\n<p><em>Wir wollen eine menschenw\u00fcrdige Unterbringung und Vesorgung.<\/em><\/p>\n<p><em>Wir wollen das Ende der qu\u00e4lenden und erniedrigenden Verh\u00f6re.<\/em><\/p>\n<p><em>Wir wollen die Einstellung der staatlicben Ermittlungen gegen uns.<\/em><\/p>\n<p><em>Wir wollen, da\u00df Safoan sofort freigelassen wird und die Ermittlungen auch gegen ihn eingestellt werden.<\/em><\/p>\n<p><em>Wir wollen, da\u00df die richtigen T\u00e4ter gesucht und gefunden werden und da\u00df unsere Beobachtungen ernst genommen werden.<\/em><\/p>\n<p><em>Wir wollen, da\u00df unser Bericht \u00f6ffentlich bekannt wird und unsere schlimmen Erfahrungen international untersucht werden.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><strong>Die \u00dcberlebenden des schrecklicben Brandanschlags vom 18.01.1996<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">F\u00e4r die Richtigkeit der \u00dcbertragung und \u00dcbersetzung authentischer Berichte, AG zu rassistischen Ermittlungen beim ART Hamburg<br \/>\nL\u00fcbeck, den 19. Februar 1996<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nach Wochen der Trauer wenden wir uns an die \u00d6ffentlichkeit. Nicht genug, da\u00df wir 10 Menschen aus unserer Mitte verloren haben. Wir werden weiter gequ\u00e4lt. Die Presse ist \u00fcber uns hergefallen. Wir selber sollen den Brand gelegt haben. 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